Im Flüchtlingsheim Längenlohn in Zähringen leben seit Oktober 2016 Geflüchtete und Studies zusammen. Eine Idee von Studierendenwerk und Stadt, die für viele Bewohnerinnen* einiges in Bewegung gesetzt hat. Trotzdem wird bald Schluss sein, denn im August müssen die Studies ausziehen. Begründet wird das ausgerechnet mit verbesserten Wohnbedingungen für die Geflüchteten.

Im Gemeinschaftsraum von Haus 6 bin ich zum zweiten Mal zu Gast im offenen Handarbeits-Café, das sich jeden Freitag hier trifft. Auch diesmal ist es ein gemischstes Kränzchen, Heimbewohner und Gäste von außerhalb, ältere und junge, Eingeborene und Eingewanderte. „Hier braucht man kein FSJ im Ausland“, meint Diaa, „die Kulturen sind da.“ Diaa wohnt als Studierender im Längenloh. Als er 2015 als Flüchtling nach Deutschland kam, lebte er in Thüringen in einem ganz anderen Heim, das er ähnlich wie ein Gefängnis erlebte: bewacht, kontrollierter Zu- und Ausgang, kein Kontakt mit Deutschen. „Danke und Entschuldigung. Mehr Deutsch habe ich da nicht gelernt. Niemand besuchte uns. Das war nicht meine Vorstellung von Deutschland!“ Diaa bekam die Anerkennung als Flüchtling und studiert jetzt im 4. Semester Medizin.  Das Wohnheim im Längenloh sei ein anderes Modell. Hier fühlt er sich wie in einer großen Familie und sowohl Studierende wie Geflüchtete sind Teil davon: „Wenn ich Heimweh habe, gehe ich einfach zu meinen Nachbarn“.

Auch Marie erzählt, dass sie im Längenloh viel mehr Kontakt zu den Nachbarn hat als in früheren Wohnungen. Sie kennt im Heim einige Familien und viele Kinder. „Wir sind einfach kein Ehrenamtlichenangebot auf Kurzbesuch. Uns verbinden gegenseitige Einladungen und auch gemeinsame Probleme. Am Anfang gab es hier z.B. nur sehr schlechtes WLAN“.  Darüber könnten die so oft beschworenen Begegnungen auf Augenhöhe überhaupt erst entstehen, meint sie.

Mit der Augenhöhe haben Marie und Diaa so ihre Erfahrungen gemacht. Als sie im Oktober hier einzogen, wollten sie Ideen für ein gutes Zusammenleben von Allen verwirklichen. Mittlerweile kennen sie die Grenzen. Die Idee des offenen Wohnzimmers, das abends unter Woche in Haus 6 für alles mögliche genutzt werden kann, hatte z.B. das Problem der Schlüsselgewalt. Die haben bislang nur Ehrenamtliche und studentische Tutorinnen*.  Weil geflüchtete Verantwortliche* aber  für Sozialdienst und Heimverwaltung nicht vorstellbar waren, gab es einfach zu wenig Leute, die das Wohnzimmer abends aufschließen konnten.

Eva, die im Längenloh die Arbeit der Studie-Tutorinnen* betreut, kann ähnliche Geschichten erzählen. Als ein syrisches Paar den Wunsch hatte, ihre Verlobung im Heim zu feiern, offen für alle Bewohnerinnen*, mussten viele Hindernisse und Bedenken der Verwaltung ausgeräumt werden. Ohne die Studierenden wäre nichts daraus geworden. Eine gleichberechtigte Beteiligung der Geflüchteten an Plänen für das Heim scheitere genau daran, dass ihnen keine Verantwortung überlassen würde.  So wüssten die meisten von ihnen auch nicht, dass im August alle Studierenden ausziehen müssen.

Eigentlich sollte das Projekt schon nach einem Semester, im Februar 2017 beendet werden. Mit viel Verhandlungsgeschick konnten die Studierenden eine Verlängerung erreichen. Doch es sieht nicht so aus, dass dies noch einmal gelingen wird. Die Stadt sieht keinen Spielraum, weil sie die zwei Gebäude der Studies als Ausweichquartier für Geflüchtete aus älteren, sanierungsbedürftigen Wohnheimen braucht.

„Vielleicht sollten wir einen Asylantrag für’s Längenloh stellen“ scherzt Diaa. Weil sie davon ausgehen, dass sie Ende August weg sein werden, haben die im Heim aktiven Studierenden beschlossen, die verbleibende Zeit für gute gemeinsame Aktionen zu nutzen. Gerade entsteht ein Gemeinschaftsgarten, für Gemüseanbau, mit Spielwiese und Grillplatz. Dafür braucht es immerhin keine Schlüssel. „Wir hoffen, dass dies auch nach unserem Auszug weiter Bestand haben wird“, meint Eva. „Außerdem stecken wir unsere Energie auch in Diskussionen um die Strukturen im und rund um das Heim. Damit die gewünschte Begegnung auf Augenhöhe, die ja bei uns als Nachbarinnen* außer Frage stand, bei Helfer*kreis und Verwaltung noch ein bisschen mehr in den Blick rückt.“

* alle Geschlechter sind gemeint

 

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Über den Autor

Birgit Heidtke arbeitet als Autorin und Historikerin in Freiburg. Sie organisiert Veranstaltungen, produziert Texte, Stadtrundgänge und viele andere Sachen.



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