Im Funkhaus des SWR laufen seit halb sechs die Fernseher: Live-Übertragung der Ergebnisse der französischen Präsidentschaftswahl. Es ist der zweite Wahlgang – Stichwahl zwischen Marine Le Pen und Emmanuel Macron. Kurz vor acht Uhr ist das Foyer des SWR gut besucht. Der Moderator von France 2 zählt im Fernsehen den Countdown: „5, 4, 3, 2, 1, 0!“ – Tusch! Kamerafahrt über den roten Teppich vor dem Pariser Élysée-Palast – „der nächste Präsident Frankreichs heißt Emmaunel Macron!“

Der Jubel auf den Bildschirmen ist groß. 65 Prozent haben laut erster Hochrechnung den parteilosen Ex-Banker, Ex-Wirtschaftsminister und Gründer der euorpafreundlichen Bewegung En Marche gewählt, 35 Prozent die Nationalistin Marine Le Pen vom rechtsradikalen Front National. Die Wahlbeteiligung war um 17 Uhr mit 65 Prozent so niedrig wie seit 1969 nicht mehr. Am lautesten feiern die Macron-Fans auf dem Platz vor dem Louvre, der noch am Nachmittag wegen einer Terrorwarnung evakuiert worden war. Auch in Freiburg, im Funkhaus an der Kartäuserstraße, lachen und klatschen die Menschen, fallen sich in die Arme, stoßen an auf den Sieg des erst 39-jährigen Macron. Die Erleichterung ist spürbar. Kein Wunder. Noch nie stand bei einer Wahl in Frankreich so viel auf dem Spiel wie in diesen Wochen, noch nie war die Kluft zwischen den politischen Lagern so groß. In Frankreich, kommentierte die Süddeutsche Zeitung am Samstag, stünden an diesem Wochenende keine Politiker oder Parteien zur Wahl, sondern zwei komplett entgegengesetzte Programme, wie die Franzosen in Zukunft leben würden.

Dass am Ende Emmanuel Macron die Wahl gewann, werteten am Sonntagabend viele als Sieg der Vernunft. Aber wofür steht der liberale Politiker eigentlich, der jetzt der jüngste französische Präsident aller Zeiten wird? Er selbst sieht sich „weder links noch rechts“, sondern als einen überzeugten Europäer der Mitte. Wie Politik funktioniert hat er an den Elite-Hochschulen Institut d’Études Politiques de Paris und École nationale d’administration Finanzkrisegelernt. Nach dem Studium arbeitete er zunächst als als Finanzinspekteur im öffentlichen Dienst, wechselte dann aber 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzkirse in die freie Bankwirtschaft und machte dort eine steile Karriere. 2012 holte ihn Präsident François Hollande als Berater in die Regierung und ernannte ihn 2014 zum Wirtschaftsminister. Linke und Gewerkschaften sahen seine wirtschaftsfreundliche Politik schon damals sehr kritisch. Als 2016 dann ans Licht kam, dass Macron in der Vergangenheit zu wenig Steuern gezahlt hatte, geriet er in Bedrängnis. Noch bevor er im August 2016 seinen Ministerposten abgab, kündigte er an, als Kandidat der von ihm im April gegründeten Bewegung „En Marche“ zur Präsidentschaftswahl anzutreten.  

Macron ist damit der erste französische Präsident, der keiner der beiden traditionellen Parteien angehört – also weder den Sozialisten (PS) noch den konservativen Republikanern (LR). Das dürfte es nicht leicht machen, eine Regierung zu bilden – schließlich gehören die meisten Politiker*innen, die für ein Ministeramt infrage kämen, einer der beiden großen Parteien an. Auch für die politische Durchsetzung von Vorhaben wie der Reform des Arbeitsmarktes oder der Sanierung der französischen Industrie ist Macron im Parlament auf Mehrheiten angewiesen – auch das dürfte keine einfache Aufgabe werden, nachdem er sich mit der Gründung von En Marche von den etablierten Parteien losgesagt hat und nach den kommenden Parlamentswahlen nun wahrscheinlich über keine Mehrheit in der Nationalversammlung verfügen wird. Am Sonntagabend versammelten sich in Paris zahlreiche linke Kritiker des neuen Präsidenten zu ersten Demonstrationen gegen seine angekündigte Politik. 

„Gewählt – aber nicht gewonnen“, titelte Spiegel online gestern nacht sehr passend. Die gute Nachricht: Die Wähler*innen in Frankreich haben gestern mit großer Mehrheit gegen Marine Le Pen abgestimmt. Und die weniger gute? Die wenigsten von ihnen haben sich damit gezielt für Emmanuel Macron ausgesprochen. Unter welchen Bedingungen er in Frankreich künftig als Staatschef handeln kann, werden erst die Parlamentswahlen am 11. Juni zeigen. Nach der Wahl ist vor der Wahl.   

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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