Seit 2001 gibt es den Girls’ Day, der Mädchen ab der 5. Klasse einlädt, für einen Vormittag in einen Beruf rein zu schnuppern, den kaum eine spontan als Traumberuf nennen würde: KFZ-Mechatronikerin, Fachfrau im Baumarkt oder Straßenbauerin? Werkstoffmechanikerin? Das alles hättet ihr am letzten Donnerstag angucken können. Wir besuchten den Aktionsnachmittag im Haus der Jugend und schauten auch bei den Boys vorbei, in einer Arztpraxis.

Eigentlich kommt am Feuerwehrauto in der Einfahrt zum HdJ keine vorbei. Trotzdem sind die Männer in ihren Wehranzügen gerade unter sich.  „Leider fehlt heute unsere weibliche Auszubildende“, meint dazu ein Kollege und erzählt mir, dass sie die erste Frau ist, die bei der Freiburger Berufsfeuerwehr dieses Jahr ihre Ausbildung beenden wird, mit einer Festanstellung in Aussicht.

Im Foyer des HdJ finde ich Jule, (8. Klasse), die mit ihrer Mutter beim Berufequizz etwas über die Verdienstunterschiede in den Handwerksberufen erfahren hat. Fliesenlegerin findet sie interessant, immerhin eine der Ausbildungen, die nicht so schlecht bezahlt ist. Der Verdienst sei schon wichtig, findet sie. „Es sollte soviel sein, dass ich es auch alleine mit meinen Kindern schaffen könnte.“ Aber auch die Bedingungen müssten stimmen, Leute da sein, mit denen man klar kommt. Auf jeden Fall will sie etwas kreatives machen.

Damit passt Jule ins Bild. Wenn wir die Berufsforschung fragen, dann hat es in den letzten 15 Jahren winzig kleine Verschiebungen in der Berufswahl von Mädchen gegeben. Vor allem in den Handwerken, wo Kreatives gefragt ist, gibt es deutliche Veränderungen. Der erste Blick auf die Statistik ist allerdings ernüchternd: 12,4% Frauen zählte man 1993 in den technischen Ausbildungsberufen. Diese Zahl ist 2015 unverändert niedrig.

Auf den zweiten Blick aber können die Forscherinnen* zeigen, dass es innerhalb der technischen Handwerke doch Verschiebungen gibt: statt in technische Berufe zu gehen, die schon lange Frauendomäne sind (Optikerin oder Laborantin z.B.) entscheiden sich inzwischen mehr Mädchen für typische Männerberufe. Hier sind die Veränderungen klein und langsam: 0,2% plus im Jahr. Aber sie sind groß genug, um einen Trend festmachen zu können. In bestimmten Männerberufen gibt es seit 2004 sogar einen sichtbaren Zuwachs: 10,4% in der Milchtechnologie, 8% in der Beschichtungstechnik, 7,7% bei den Bäckern oder 11,1% im technischen Modellbau. In anderen Männerbranchen tut sich fast nichts. Spitzenreiter sind hier die informatischen Berufe und das Bauhandwerk: hier gehört  die Fliesenlegerin* mit 1,6% plus schon zur Spitze.

Mia und Judi, (5. Klasse) waren am Vormittag beim Fraunhofer in der Solartechnik. Das hat sie interessiert: „Autowerkstatt wär’s nicht, das geht gar nicht“. Beide sind noch nicht sicher, was sie mal machen wollen – „was mit Tieren oder Schaupielerin“, lachen sie, „typisch Mädchen“.

Lisa (10. Klasse) fand es ein bisschen langweilig hier. Vielleicht auch, weil sie ihre Wahl schon getroffen hat: sie wird bei der Bahn lernen, Zugbegleiterin. Einen Beruf übrigens, der vor nicht allzu langer Zeit eine Männerdomäne war. Auch Zahraa (8. Klasse) ist schon ziemlich sicher, dass sie „was medizinisches“ machen will, am liebsten in der Apotheke. Hier im HdJ hat sie alle Stationen besucht. Nächstes Jahr, im Berufspraktikum für die Schule, will sie auf jeden Fall mal was anderes, untypisches ausprobieren. Vielleicht die Feuerwehr.

Und die Jungs? Mit einigen Boy’s Dayern habe ich mich vormittags in einer kieferorthopädischen Praxis in der City unterhalten. Sie fanden es cool hier, alles so modern und vor allem die Technik beeindruckend: der Zahnscanner, der 3-D-Drucker! Ob sie sich vorstellen können, als medizinischer Fachangestellter zu arbeiten? Mal schauen. „Eher hier als im Kindergarten“, meint Simon. Das ginge gar nicht: zu anstrengend, immer wieder alles von vorn erklären. Und übelst laut.

Die Berufsforschung kommt bei der Frage, ob auch bei den Jungen die beruflichen Klischees allmählich weicher werden, zu einer klaren Antwort: ihr Anteil an Azubis in typischen Frauenberufen hat sich nicht verändert. Grund dafür ist vor allem  die schlechtere Bezahlung in Branchen, wo Frauen in der Überzahl sind. Wozu also die Seite wechseln? Sinn macht das offenbar nur umgekehrt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Über den Autor

Birgit Heidtke arbeitet als Autorin und Historikerin in Freiburg. Sie organisiert Veranstaltungen, produziert Texte, Stadtrundgänge und viele andere Sachen.



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