Wenn alles läuft wie geplant, dann graben in drei Jahren die ersten Bagger ihre Schaufeln in die Erde, wo später einmal der neue Stadtteil Dietenbach wachsen wird.

Bis zu 5500 Wohnungen sollen dort in den nächsten eineinhalb Jahrzehnten zwischen Rieselfeld, Mundenhof, Besançonallee und Zubringer Mitte entstehen, die rund 12.500 Menschen Platz bieten. Die Planungen dazu laufen seit 2014. Ihre Notwendigkeit begründete die Stadt Freiburg unter anderem mit den Ergebnissen einer Studie des Empirica-Instituts, die von einem Bevölkerungswachstum bis 2030 von 28.000 bis 40.000 Menschen und einem entsprechenden Bedarf von 14.600 Wohnungen ausgeht.

Kritiker*innen dieser Planung halten die Schätzung des Empirica-Instituts dagegen für völlig überzogen und schlagen unter dem Motto „Umbau statt Neubau” stattdessen zum Beispiel Maßnahmen der Nachverdichtung vor – wie die Bebauung von Innenhöfen, den Ausbau von Dachgeschossen oder die Aufstockung von Wohnhäusern.

Zu den Kritiker*innen zählen auch die rund 400 Bauern und Grundbesitzer*innen, die ihr Land für die Errichtung des neuen Stadtteils hergeben müssten. Wenn sie ihre Grundstücke nicht freiwillig verkaufen, können sie enteignet werden, was die Stadt Freiburg aber in keinem Fall tun will. Deshalb verhandelt sie nun nicht mehr selbst mit den Bauern, sondern lässt die die Sparkasse Freiburg tun, die kürzlich als Partnerin mit in das Stadtteil-Projekt eingestiegen ist. Anders als es das Gesetz der Stadt erlaubt, darf die Sparkasse den Grundbesitzer*innen statt 15 Euro 65 Euro pro Quadratmeter zahlen, wodurch die Verantwortlichen hoffen, nun bald mit dem Bau des neuen Stadtteils beginnen zu können. Zum Vergleich: Kostet im Dietenbach ein Hektar ehemaliges Acker- und künftiges Bauland so 650.000 Euro pro Hektar, lag der durchschnittlich Hektarpreis 2015 in Baden-Württemberg bei gerade mal 24.700 Euro und selbst im Ballungsraum Stuttgart noch bei lediglich 124.400 Euro.

Dass sich derart hohe Grundstückspreise direkt auf die Entwicklung des Stadtteils auswirken, befürchten nun unter anderen die Unabhängigen Frauen. In ihren Newsletter schreiben sie: „Bezahlbarer Wohnraum, sozial gefördertes Wohnen – wie von uns gefordert – wird nur möglich werden, wenn die Bodenpreise, wenn die Grundstückskosten niedrig gehalten werden”. Ein „Deal” mit der Sparkasse erhöhe dagegen das Risiko, dass die Stadt „ein gewichtiges Stück” ihrer Planungshoheit an ein Unternehmen abgebe, das vor allem ein Interesse an „Geldvermehrung” habe.

Auch die Fraktionsgemeinschaft JPG im Freiburger Gemeinderat mahnte kürzlich noch einmal die massive Förderung von günstigem Wohnraum im Dietenbach an. „Wir bauen kein zweites Vauban, in dem Nachhaltigkeit die oberste Priorität hat, sondern einen Stadtteil, der soziale Vielfalt als Kernanliegen hat”, sagte JPG-Fraktionsvorsitzender Lukas Mörchen in der Gemeinderatssitzung am 4. April. Deshalb dürften zum Beispiel Konzepte wie die „Klimaneutralität des neuen Stadtteils nicht zu erhöhten Kauf- und Mietpreisen” führen. Zugleich verwehrte sich der junge Stadtrat gegen mögliche Überlegungen, günstigen, geförderten Wohnraum in bis zu achtstöckigen Gebäuden als Schallschutz für die höherpreisige Einfamilienhausbebauung gegen die zu erwartende Lärmbelästigung durch die B31 zu missbrauchen.

Das Gelände, auf dem der neue Stadtteil entstehen soll, ist insgesamt 107,5 Hektar groß. Namensgeber des Quartiers ist der Dietenbach, der hier gerahmt von einem geschützten Biotop durch die Landschaft fließt. Entlang dieses Bachs sollen mindestens 800.000 Quadratmeter Wohnfläche entstehen. Die bebaute Fläche darf dabei nicht kleiner als 60 Hektar sein, da der Bau des Stadtteils sonst mehr Geld kosten würde als der Verkauf oder die Vermietung von Grundstücken und Gebäuden einbringen würde. Das bedeutet zugleich, dass die Fläche für Grünanlagen, Spielplätze und andere Freiräume maximal 40 Prozent der Gesamtfläche betragen darf. Dass dazu auch vier Kindergärten und 15 Kitas  gehören, die das Gesetz vorschreibt, sowie zwei Schulen samt Sportgelände für insgesamt 1400 Schüler*innen, lässt die sogenannten „informellen” Freiräume, in denen zum Beispiel Jugendliche ihr eigenes Ding machen können, weiter zusammenschrumpfen – nämlich auf 14 Hektar, was etwa einem Achtel der Gesamtfläche entspricht. Herzstück dieses öffentlichen Raums soll neben einem zentralen Stadtteilplatz die Uferzone des Dietenbachs werden, die ähnlich der renaturierten Dreisam in Littenweiler auf Höhe des Schwarzwaldstadions und der Jugendherberge sowohl als Picknick-, Grill- und Naherholungszone als auch als Überschwemmungsgebiet dienen soll.

Wie der neue Stadtteil dann tatsächlich einmal aussehen könnte, dürfte frühestens in eineinhalb Jahren feststehen. Dann nämlich, Ende 2018, werden die besten drei bis sieben der insgesamt 30 Entwürfe des Architekturwettbewerbs vorgestellt, zu dem der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung den Ausschreibungstext verabschiedet hat. 

Übrigens: Auch das Theater Freiburg beschäftigt sich schon heute mit dem Quartier von morgen. Für den Juli 2017 hat es die Dietenbachfestspiele organisiert, die sich mit einer der zentralen Fragen der Stadtentwicklung beschäftigt: Wie wollen wir zusammenleben?

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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