Es war klar, dass das nicht immer so weiter wuchern würde, in bester Lage. Vor dem anstehenden Umbau des Theatervorplatzes in Freiburg wird am 1. Mai der urbane Garten abgeräumt, der dort im Oktober 2012 von dem Tänzer und Choreografen Graham Smith zusammen mit verschiedenen Organisationen und Initiativen angelegt worden war.

Ursprünglich war der öffentliche Gemüsegarten als Projekt auf Zeit geplant – als eine Art zweijähriges Experiment in Sachen Stadtraumeroberung für alle. Doch dann beteiligten sich immer mehr Menschen am Gärtnern in der City. Viele lungerten in der Mittagssonne oder abends vorm Ausgehen zwischen Salat und Karotten in den aus rohen Brettern zusammen gebauten Sitznischen herum. Und irgendwann gehörte die aufgewühlte Erde und das sprießende Gemüse vorm Theater plötzlich zum Stadtbild und niemand wunderte sich mehr, dass da statt repräsentativem Rasen und bunten Beeten Essbares wuchs und geerntet wurde und wuchs und geerntet wurde, Monat für Monat, Jahr für Jahr.

Dass damit jetzt Schluss ist, war absehbar. Die Pläne für die Gestaltung des Theatervorplatzes liegen seit langem vor und sie umfassen keinen Nutzgarten, sondern eher klassisches Ziergrün. Doch das ist kein Grund zum Trauern, denn das Projekt von Graham Smith hat längst Spuren in der Stadt hinterlassen. Wie vielen in der Urban Gardening-Bewegung ging es den Beteiligten ohnehin nicht allein um das Sähen, Jäten und Ernten, sondern immer auch um die Frage, wem die Stadt gehört und wer eigentlich das Recht hat, darüber zu bestimmen, wie städtische Flächen – also Flächen, die allen gehören – genutzt werden dürfen. Auch der Theatervorplatz ist so ein städtischer Ort. Und es ist ein sehr prominenter Ort. Eine gute Werbefläche also für ein Projekt, das sowohl modellhaft Lösungen für aktuelle Probleme erprobt, als auch in einer langen Tradition steht.

Tatsächlich geht der städtische Gartenbau nämlich auf die Marktgärten früherer Jahrhunderte zurück, die angelegt wurden, um die lokale Versorgung der wachsenden Städte mit frischen Lebensmitteln zu sichern. In Paris bauten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so rund 8500 Stadtgärtner auf mehr als 1400 Hektar bis zu 100.000 Tonnen Obst und Gemüse im Jahr an. Wie wichtig eine funktionierende stadnahe Landwirtschaft auch heute ist, legt eine britische Studie nahe, welche die Folgen von Katastrophen wie dem Hurrikan Katrina untersuchte, der 2005 die US-Millionenstadt New Orleans verwüstet und von der Außenwelt abgeschnitten hatte. Die Forscher rechneten darin vor, dass die Versorgung einer durchschnittlichen Großstadt ohne eigene, lokale Nahrungsproduktion binnen drei Tagen zusammenbricht – und damit auch der gesellschaftliche Zusammenhalt.

In Mode gekommen ist das Urban Gardening allerdings aus anderen Gründen. Einer der wichtigsten: Der lokale Anbau und Konsum von Nahrungsmitteln verhindert lange Transportwege, was wiederum den CO2-Ausstoß senken und Energie einsparen hilft. Zudem verbessert Urban Gardening das städtische Mikroklima, bringt den Menschen eine nachhaltige Lebensweise sowie die Kreisläufe der Nahrungsproduktion vom Säen über das Ernten und Verzehren bis zum Recycling und Kompostieren nahe. Und nicht zu vergessen: Gärtnern in der City heißt aktiv an der Nutzung des öffentlichen Raumes teilzuhaben.

All diese Themen hat das Urban Gardening-Projekt am Freiburger Theater in der vergangenen Jahren ins Herz der Stadt getragen. Doch auch nach der kollektiven Umsetzung der restlichen Pflanzen und dem Abbau der Anlage am Wochenende vom 29./30. April könnt ihr in Freiburg weiterhin gemeinschaftlich gärtnern. Zum einen dürfen übrig gebliebene Pflanzen der Theatergemüsegartens mit nach hause genommen werden, sofern ihr euch bereit erklärt, Graham Smith als Rohstoff für ein mögliches Kunstprojekt hin und wieder ein Foto eures Patengemüses zu schicken. Zum anderen findet ihr umfangreiche Listen von gärtnerischen Mitmachprojekten auf den Websites Grünanteil und Transition Town Freiburg, die es sich beide zur Aufgabe gemacht haben, Menschen und Initiativen für die Ernährungswende und Urban Gardening, aber auch für Klimaschutz, nachhaltiges, sozialverträgliches Wirtschaften und die Energiewende miteinander zu vernetzen. Gut so, denn es gibt nach wie vor Gründe genug, sich die Finger schmutzig zu machen.

 

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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