Fünf Fragen an Dr. Abdel-Hakim Ourghi – Leiter des Instituts für islamische Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg

Herr Ourghi, es ist 20 Uhr am Sonntagabend, noch steht das Ergebnis der Wahl in der Türkei nicht völlig fest. Wollen wir mit dem Gespräch warten?

Nein, ich denke, es ist klar: Das Präsidialsystem wird kommen, auch wenn die Zustimmung insgesamt knapp ist. Aber schauen Sie sich an, wie die Türken bei uns in Deutschland abgestimmt haben. Nur 37 Prozent stimmten gegen Erdogan. Ich finde das traurig, dass Menschen, die hier leben, für einen Diktator stimmen.

Für Sie ist Erdogan ein Diktator?

Darauf läuft es hinaus. Das Parlament mit unterschiedlichen, miteinander um die beste Politik ringenden Parteien, hat im neuen Präsidialsystem kaum noch Macht. Jede Stimme, die gegen Erdogan ist, wird bekämpft. So lange er an der Macht ist, braucht man von Demokratie in der Türkei nicht mehr zu reden.

Allerdings haben fast die Hälfte der Stimmberichtigten mit Nein gestimmt, die Türkei ist gespalten. Muss Erdogan jetzt nicht nicht versuchen, das Land zu einen? Wird er vielleicht sogar versöhnliche Töne anschlagen?

Ich kann ihn nur danach beurteilen, wie er bislang aufgetreten ist. Er ist wie ein Diktator aufgetreten. Er hat beschimpft und bedroht – uns im Westen hat er ja kaum verhüllt mit Religionskriegen gedroht. Ich kann mir vorstellen, dass die Zukunft mit diesem Mann sehr gefährlich wird. Vor allem natürlich für die Türken. Sie werden leiden. Insbesondere wirtschaftlich.

Wie soll die deutsche Politik jetzt auf die Situation reagieren?

Was Erdogan betrifft, kann ich deutschen Politikern nichts raten. Was unser Land betrifft, sollten sie den Mut haben, die richtigen Fragen zu stellen: Was läuft schief, wenn Menschen, die hier leben und nur zum Urlaub in die Türkei fahren, für einen Mann wie Erdogan zu stimmen, der im 21. Jahrhundert eigentlich keinen Platz hat?

Sie sprechen über misslungene Integration?

Wir brauchen nicht noch eine Debatte über Integration. Wir brauchen Menschen, die sich mit unserem Rechtssystem identifizieren. Die sagen: Die Türkei ist die Heimat meiner Eltern – aber meine ist Deutschland.

 

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Über den Autor

Mathias Heybrock lebt als Journalist in Freiburg und arbeitet für Zeitungen und Magazin in Deutschland und der Schweiz.



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