Ein Gesetz soll jetzt die gerechte Bezahlung von Frauen und Männern regeln.

Angenommen, wir lebten in einer gerechten Welt, dann gäbe es Grund genug sauer zu sein, wenn ein Mann beim Bäcker einen Euro mehr für das Brot zahlen muss als eine Frau. Richtig? Logisch.

  1. Nun meinen tatsächlich viele, dass wir in einer gerechten Welt leben – auch weil in der Bäckerei für gleiche Ware eben alle das Gleiche zahlen müssen –, aber trotzdem bekommen Frauen im Schnitt in Deutschland 21 Prozent weniger Lohn als Männer. So gesehen könnte man sagen: Verhältnismäßig zahlen Frauen beim Bäcker tatsächlich einen Euro mehr. Das ist viel Geld, verglichen mit dem relativ geringen Widerstand, den diese Zahl in der Bevölkerung hervorruft. Kann das sein?

Ja, leider. Deshalb gibt es den Equal Pay Day, an dem Aktivist*innen weltweit auf die ungerechte Bezahlung aufmerksam machen, die sich in der – je nach Land und Beruf – unterschiedlich großen Lohnlücke zwischen Männern und Frauen zeigt. Was dabei kaum zu glauben ist: Der Equal pay Day ist keine Erfindung der letzten Jahre, sondern wurde 1966 erstmals in den USA begangen. Das bedeutet: Seit über einem halben Jahrhundert kämpfen Frauen für gleiche Bezahlung – und nichts ist passiert?

Nein, das wäre eine grobe Vereinfachung – sagen Skeptiker*. Für sie gehen die Equal Pay-Aktivist*innen von einer zu simplen Rechnung aus. Die lautet: Nimmt man die Löhne aller Frauen zusammen und teilt diese Summe durch die Anzahl der Frauen, verdient jede einzelne im Schnitt rund ein Fünftel weniger als ein Mann. Die Gründe dafür sind vielfältig. Frauen wählen andere Berufe oder Studiengänge als Männer, sie arbeiten oft in schlechter bezahlten Jobs oder Branchen, machen seltener Karriere und haben in ihrer Berufsplanung eher die Familie mit im Blick als ihre männlichen Kollegen. Das stimmt – einerseits. Einen anderen, eher abstrakten Grund für die krasse Lohnlücke liefert allerdings die Statistik selbst. Vergleicht man nämlich, was Männer und Frauen für die gleiche Arbeit bekommen, dann fällt das Ergebnis etwas anders aus als in der obigen Rechnung. Entsprechende Studien gehen davon aus, dass Frauen in diesem Vergleichsmodell „nur“ zwischen 2 bis 7 Prozent weniger verdienen als ihr männlichen Kollegen. Ein Grund zum Aufatmen ist das logisch nicht. Schon gar nicht, wenn man bedenkt, dass die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen im europäischen Vergleich nur in Tschechien und Estland noch größer ist als in Deutschland.

Damit sich diese Lücke so schnell wie möglich schließt, hat die Bundesregierung vergangene Woche nach langen Debatten jetzt das Gesetz zur Förderung von Transparenz und Entgeltstrukturen verabschiedet. Es soll verhindern, dass Frauen bei gleicher Arbeiten weniger verdienen als Männer. Doch das Gesetz ist umstritten, denn es gilt erst für Unternehmen mit mehr als 200 Beschäftigten. In diesen Firmen dürften Frauen dann die Gehälter ihrer männlichen Kollegen einsehen und gegebenenfalls den gleichen Lohn einklagen. Außerdem, sagen Kritikler*innen, ändere das nichts am grundsätzlichen Problem, nämlich dass Frauen in Deutschland immer noch sehr viel öfter in Teilzeit arbeiten als Männer – obwohl sie nach Umfragen im Schnitt gerne 10 Stunden pro Woche länger arbeiten würden. Eine freie Entscheidung also ist das nicht.

Ein Studie der Münchner Soziologin Katrin Auspurg kommt zu dem Schluss, dass schlechte Bezahlung für Frauen eine Art sich selbst erfüllende Voraussage ist: zusammen mit ihren Kollegen Thomas Hinz und Carsten Sauer legte sie 1600 Personen Berufsbilder von Personen unterschiedlichen Geschlechts vor und fragte, ob die Personen fair bezahlt werden. Das überraschende Ergebnis: Für viele Befragte – egal ob Frauen oder Männer – lagen gerechte Löhne für gleiche Arbeit bei Frauen deutlich niedriger als bei Männern. Dass Menschen es nicht als unfair emfinden würden, wenn Frauen weniger Gehalt bekämen, spiegele die Ungleichheit wider, die in der Gesellschaft herrsche, sagt Auspurg. Höchste Zeit, das zu ändern. Ein „Gesetz zur Förderung von Transparenz und Entgeltstrukturen“ ist dabei sicher ebenso hilfreich wie die hartnäckige Wiederholung des Equal Pay Days bis gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit endlich normal ist. Dass das keineswegs utopisch ist, legen übrigens laut Wochenzeitung Der Freitag die Antworten der jüngsten Befragten von Katrin Auspurg nahe. Geschlechtergerechtigkeit ist für sie eine Selbstverständlichkeit.

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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