Ein Kinofilm und ein Jugendbuch schildern, wie junge Mädchen den Einflüsterungen der Terrororganisation IS erliegen

Der heutige Donnerstag soll für einen Film und Literatur-Tipp genutzt werden. Erst einmal das Buch. Es heißt «Djihad, mon ami» und stammt von der Französin Dounia Bouzar.

Die 53-jährige Bouzar studierte Anthropologin – und hat vor einigen Jahren ein Zentrum gegründet, das Jugendliche und deren Eltern berät, die den Einflüsterungen des IS erlegen sind. «Madame Deradicalisation» wird sie in der französischen Presse genannt.

Bouzar machte früh die Beobachtung, dass die Terroristen längst nicht mehr nur in Problemvierteln rekrutieren – bei jungen Menschen mit Migrationshintergrund und ohne Perspektive. Sondern überall, auch unter Jugendlichen aus «geordnetem» Umfeld. Und verstärkt eben auch unter Mädchen – und deswegen schrieb sie «Djihad, mon ami»

Die Handlung ist erfunden, basiert aber auf Bouzars langjähriger Erfahrung. Sie lässt zwei Mädchen direkt zu Wort kommen: Camille, die beschreibt, wie sie sich zunehmend radikalisiert – Nutella spielt dabei tatsächlich eine Rolle, die Überschrift ist kein Witz.

Und Sarah, ihre allerbeste Freundin, die entsetzt, aber machtlos beobachtet, wie sich Camille immer mehr zurückzieht. Auch ins Bataclan will sie nicht mit, den Pariser Musiktempel, den Sarah mit ihrer Clique besucht – am 13.11.15, dem Abend des Anschlages.

Damit hat der Roman auch eine sich zuspitzende Dramaturgie – doch besonders stark bleiben jene Momente, die aus jahrelanger Sozialarbeit kondensiert wurden. Bouzar schildert, wie die Rekrutierer des IS das zweifelnde Weltbild junger Menschen ausbeuten, ihre Wut über Ungerechtigkeiten. Wie sie einlullen, isolieren und dann einer systematischen Gehirnwäsche unterziehen.

Der heute startende Film «Der Himmel wird warten» ist inhaltlich stark von Dounia Bouzar beeinflusst. Die war zwar nicht am Drehbuch beteiligt, spielt aber mit: Als sie selbst, in sehr eindrücklichen Beratungs- und Therapieszenen, die Bouzars tägliche Arbeit nachstellen.

Sie redet darin mit betroffenen Kindern, deren Fanatismus und Hass sie deutlich, aber unaufgeregt in die Schranken weist. Dann spricht sie die Gefühle der Kinder an, erinnert sie an Erlebnisse mit Eltern und Freunden, appelliert an das Herz. Das führt immer zum Erfolg, sagt Bouzar. Wenn man geduldig dranbleibt. Wenn man nicht zweifelt, dass es funktioniert.

Buch und Film sind sehr erhellend, spannend auch – der Film (natürlich) noch ein bisschen mehr, er ist wirklich super gemacht. Beide können helfen, dass es erst gar nicht zur Radikalisierung kommt. Dass junge Menschen gerüstet sind, um die «unsichtbaren Fäden» des Terrors «kontrollieren zu lernen», wie Bouzar im Nachwort zu «Djihad, mon ami» schreibt.

Das Kinoticket kostet für alle bis 17 Jahre 5,50 Euro; Dienstags sind es 50 Cent weniger. Das Buch kostet neu 15,-, ist im Netz aber auch schon gebraucht zu finden. Leider hat die Stadtbibliothek es (noch) nicht.

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Über den Autor

Mathias Heybrock lebt als Journalist in Freiburg und arbeitet für Zeitungen und Magazin in Deutschland und der Schweiz.



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