Vor dem McFit in der Basler Straße ist mal wieder Hölle los. Nach der Schule geben sich die Jugendlichen hier die Klinke in die Hand. Auffallend viele Jungen sind darunter, die wenigsten älter als Anfang 20. Ein Grund: das Fitness-Studio gehört zu den billigsten in der Stadt. Ein zweiter Grund: Wer 15 ist, kann hier Mitglied werden – früher als bei den meisten anderen Studios in der Stadt. Manche lassen sich das Jahresabo von ihren Eltern schenken. Fragt sich nur: Warum verbringen immer mehr männliche Jugendliche ihre Freizeit auf der Hantelbank oder an Work-Out-Geräten? Weil es Spaß macht?

Mag sein. Für Expertinnen wie die Zürcher Psychologin Dagmar Pauli verrät dieser Trend jedoch auch etwas über die zunehmende Unzufriedenheit von männlichen Jugendlichen mit ihrem Körper und den stillen Zwang zur Selbstoptimierung. „Ich kann meinen Körper machen”, fasste Pauli das Credo des aktuellen Körperkults kürzlich im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zusammen: „Der Körper wird zur gestaltbaren Oberfläche. Das bedeutet, wer fett ist und unattraktiv, der trägt selbst die Schuld, weil er seinen Körper nicht durch Diäten oder Sport dem gängigen Schönheitsideal anpasst.” Der Druck, der so entsteht, wird verstärkt durch die Werbung, deren männliche Models nach verschiedenen Untersuchungen in den vergangenen Jahren immer muskulöser geworden sind. Diese Körperbilder werden bereits im Kinderzimmer geprägt. Der amerikanische Psychiater Harrison Pope, der vor 20 Jahren als erster das der Magersucht ähnelnde Krankheitsbild der Muskelsucht beschrieb, fand heraus, dass die Statuen von Spielzeugfiguren in den vergangenen 40 Jahren immer stärker surrealen Superboybuildern  ähneln. Haderten früher vor allem Mädchen mit ihrem Aussehen, sind es laut einer australischen Studie heute vor allem die Jungen, die sich von ihrem Körperbild gestresst fühlen. Kein Wunder: Amerikanische Forscher fanden heraus, dass junge Männer im Schnitt solche Körper am attraktivsten finden, die 14 Kilo mehr Muskeln auf die Waage bringen als ihr eigener.

Die Voraussetzungen für dieses Schönheitsideal eines muskulören, definierten Bodys heißen: ständiges Training und strategisches Essen. „Viele Proteine, kein Fett”, lautet entsprechend das kulinarische Mantra, das Youtube-Work-Out-Blogger ihren Fans mit auf den Weg geben. Mit einem gesunden Lifestyle hat das allerdings wenig zu tun. Eher schon mit einer freiwilligen Beschneidung von Grundbedürfnissen, die alles dem Ziel unterwirft, nie wieder diesem „Lauch” im Spiegel begegnen zu müssen, der man war, bevor man sich im Fitness-Studio daran machte, seinen Körper mit jenem Bild in Deckung zu bringen, das man von sich schon immer gerne auf Instagram posten wollte. Die Ironie der Geschichte: Alle trainieren einem einzigen Image hinterher, dem ein Mann angeblich entsprechen sollte. Langweilig? Stimmt. Da halten wir es lieber mit Franz Lichtenegger, der für die Online-Ausgabe des Magazins VICE eine tolle Abrechung mit dem Körperkult der Studio-Pumper geschrieben hat: „Vielleicht sollten wir wieder lernen, unterschiedliche Typen zu akzeptieren und aufhören, Body Shaming zu betreiben – unabhängig vom Geschlecht. Durchschnittliche Männer sollten weiterhin T-Shirts tragen können, ohne sich dabei unwohl zu fühlen.”

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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