Anti-Rassismus-Wochen und Eröffnung des Kunstraums Kabuff

Röszke ist ein kleines, unscheinbares Kaff ganz im Süden von Ungarn. Hier gibt es 3000 Einwohner, eine Kirche, eine Post, einen Laden namens Kiss Bolt, eine Pizzeria mit 46 Likes auf Facebook – und seit einem Jahr auch wieder Ruhe. Berühmt geworden war das Dorf im Herbst 2015, als Zehntausende von Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak auf der sogenannten Balkanroute auf dem Weg nach Europa waren und Viktor Orbán, Ministerpräsient von Ungarn, fand, das müsse verhindert werden. Also sperrte er am Grenzübergang zu Serbien einfach die Straße, ließ wie in Röszke 4000 Soldaten im ganzen Land kilometerweise Stacheldraht ausrollen und baute einen Zaun. Am 16. September 2015 verabschiedete das ungarische Parlament zudem ein Gesetz, das den illegalen Grenzübertritt von heute auf morgen unter Strafe stellte. Noch am gleichen Tag wurden daraufhin in Röszke von der Terrorabwehr der ungarischen Polizei 11 Flüchtende verhaftet, die zehn Monate später wegen ihrer Teilnahme an Protesten an der Grenze und wegen illegalem Grenzübertritts verurteilt wurden. Einer von ihnen, der Syrer Ahmed H., wurde nach einem Terrorismus-Paragrafen des ungarischen Strafrechts zu zehn Jahren Haft verurteilt, da er die anderen Flüchtenden angeblich aufgewiegelt haben soll.

Für die Aktivist*innen der Aktion Bleiberecht erzählt diese Geschichte vom „Schauprozess gegen die Röszke 11” viel über das System der Flüchtlingsabwehr in Ungarn und der Europäischen Union. Ihre Kampagne für die Freilassung inhaftierter Flüchtlinge in Ungarn eröffnet am Montag, den 13. März 2017, um 18.30 Uhr im Theater Freiburg die „Internationalen Wochen gegen Rassismus”. Organisiert wurde die Reihe von respect!, dem Freiburger Netzwerk für kritische Bildungsarbeit. Das Programm bis einschließlich 29. März 2017 umfasst Vorträge, Workshops, Stadtführungen, Konzerte und nicht zuletzt das sehenswertes Multimedia-Ausstellungsprojekt „Blackbox Abschiebung“ über junge Menschen, die Deutschland verlassen müssen, obwohl sie hier oft sogar aufgewachsen sind. Die Vernissage dazu findet ebenfalls am Montag, 13. März, um 20 Uhr im Theater Freiburg statt, der Eintritt ist frei. Das komplette Programm der Internationalen Wochen gegen Rassismus findet ihr hier.

Auch gut:

In der Bildhauerhalle im Freiburger E-Werk eröffnet am heutigen Freitag, 10. März, um 19.00 Uhr das Kabuff. Der neue Kunstraum macht seinem Namen alle Ehre: aus rohem Holz gezimmert und mit sinnfrei in die Wand geschnittenem Pseudofenster, aus dem man auf eine nackte Mauer schaut, wirkt das Ganze wie die trashige Kulisse einer TV-Serie über abgedrehte Künstlerexistenzen. Ist es natürlich nicht, denn wird Kunst nicht dargestellt, sondern gemacht. Was das bedeutet, davon geben die Macher*innen an diesem Wochenende mit ihrer Debütausstellung „Kick Off“ einen ersten Vorgeschmack. Die meisten Mitglieder des achtköpfigen Teams studieren noch an der hKDM oder an der Freiburger Außenstelle der Staatlichen Akademie der BIldenden Künste Karlsruhe. Unter ihnen auch Jacob Ott, der sich auskennt mit ungewöhnlichen Ausstellungsformaten und zur Vernissage eine Brezelbackperformance gibt. Tatsächlich will das Kabuff aber kein Ausstellungsraum für die 8er-Clique sein. Im Gegenteil. So werden die Macher*innen des Kabuffs künftig nur noch als Gastgeber auftreten, die den Raum Kunstschaffenden ihrer Wahl für je einen bis drei Monate als Gastatelier und Bühne zur Verfügung stellen. Die Kosten dafür wollen die acht neben einer Projektförderung vom Kulturamt durch den Verkauf von eigenen Editionen decken. Den Anfang der Residency-Reihe macht ab Sonntag, 12. März die in Berlin lebende Schweizer Künstlerin Jennifer Bennett, deren kürzlich erschienenes Künstlerbuch SAVE mit Interviews, Reiseberichten und Recherchen zu Fragen der Staatsangehörigkeit oder der Selbstorganisation übrigens auch gut ins Themenfeld der Anti-Rassismus-Wochen passt.

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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