Es sind viele neue Menschen in Freiburg angekommen. Vieles wurde gut organisiert. Aber eine Frage bleibt: Wie werden wir das Zusammenleben mit den Neuankömmlingen hinbekommen? Das ist eine Frage, auf die man die Antwort nicht durch Nachdenken, sondern nur durch ausprobieren findet. Freiburger Roma-Jugendliche haben das getan.

Schon seit einigen Jahren organisiert das Roma-Büro Freiburg Sommercamps für Jugendliche. Leitfrage war immer: „Wie wollen wir Roma, Sinti und andere Jugendliche in 10, 20 Jahren miteinander leben?“ Für 2016 haben sie den Kreis erweitert und syrische und irakische Flüchtlingsjugendliche, die „neuen“ Nachbarn aus den Flüchtlingsheimen dazu geladen. Der Leiter des Roma-Büros Thomas Wald hat dem Jugendblog einen Einblick gegeben, was das in der Praxis bedeutet.

Was man wissen muss

Dreiviertel der teilnehmenden Roma-Jugendlichen sind Moslems, fast alle Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien – der Großteil lebt seit Jahren in den Flüchtlingsheimen; von den syrischen  und irakischen Jugendlichen sind alle Moslems und alle wohnen in den Heimen, einige sind stark traumatisiert, einer hat drei Jahre unter dem IS gelebt. Das sollte unter dem Motto „Is IS ne Alternative?“ angesprochen werden. Übrigens: Auch wenn der übergroße Teil der Jugendlichen sich gegenüber der deutschen Mehrheitsgesellschaft als Moslems versteht, spielt Moslem-Sein untereinander kaum eine Rolle.

Scheitern gehört dazu

In vorbereitenden Workshops sollte eigentlich die Geschichte der Kriege im Nahen und Mittleren Osten ein wenig entwirrt werden. Dies ging daneben und endete in sehr aufgeladenen Diskussionen um Glauben und Nicht-Glauben und der Frage, wer darf wen, wann töten. Eine hoch explosive Sackgasse! Schaut selbst.

Wieder probieren, anders scheitern.

Also wurde die Diskussion verlagert: Was können wir tun, dass sich alle sicher und wohl fühlen? Schon stand der nächste Konflikt ins Haus: Die meisten Roma-Jugendliche lehnten die Syrer und Iraker ab und aßen ihnen beim ersten gemeinsamen Essen alles vor der Nase weg. Die Roma fühlen sich in den Heimen von den neuen Flüchtlingen verdrängt und von der deutsche Verwaltung benachteiligt. So gab es ein ständiges Auf und Ab vor der Abreise. Syrische und irakische junge Frauen durften nicht mit, auch wenn der Bruder oder Cousin mitfährt. Zwei Tage vor Abfahrt sagten auch drei Roma-Frauen wegen der „Syrer und Iraker“ ab.

Und dann doch irgendwie zusammenfinden

Erst wenige Tage vor der Abfahrt, als die syr/irak. Jugendlichen für Alle kochten, saßen alle um den Tisch, aßen und respektierten sich. Verbindend wirkte gemeinsames Musikmachen, Kochen und Essen, sich Zuhören oder einfach nur zusammen „Chillen“ in einem sicheren Raum außerhalb der Enge und Spannung der Heime. Am besten gelang das Miteinander in der Musik. Hier ein gemeinsamer Clip:

 

Endlich da

In Trent auf Rügen wurden die Jugendlichen mit überbordender Herzlichkeit empfangen und mit Körben voll Obst und Gemüse frisch aus den Gärten beschenkt. „Wenn wir abends am Lagerfeuer so ein Singen hörten, haben wir die Worte nicht verstanden, auch die Musik war neu für uns, aber die Botschaft von Leid, Pein und Verlust haben wir verstanden“, berichtete die Dorfzeitung.

Auseinandersetzungen und Annäherungen

Die Alltagsroutinen und gemeinsamen Unternehmungen gaben immer wieder Stoff für weiter Clips:

Aus den Fahrradtouren mit Baden-Gehen entstand der Clip: „Syrischer Tanz um Leben und Tod“. Aus Diskussionen zu Paradies/Hölle, Homophobie/Homophilie der Clip „Selbstmörder“. Aus dem „Frechsten der Gruppe“ wird der verletzliche 13 Jährige, der sich nach seiner Mutter sehnt, die er seit über 4 Jahren nicht gesehen hat Clip „Hadil: Mutter“. Aus der Frage „Wer zählt eigentlich unsere Toten?“ entstand „Bagdad Kerker“

Die Texte sind in Teamarbeit entstanden, die Musik wurde außer einem Beat selber entwickelt. Zur „Hymne“ des Sommercamps wurde schließlich „Augen auf“

Auf der Rückfahrt war der ganze Waggon voll von deutschen, roma und syr/irak Jugendlichen, die sangen und tanzten – und mittendrin saßen Bundespolizisten und grinsten.

„Als nunmehr freundschaftlich verbundene Gruppe zwischen Roma und Syrern/Irakern beendeten wir unsere gemeinsame Suchbewegung mit einem Abschlussessen und einer Feier“, zieht Thomas Wald Bilanz.

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Über den Autor

Jürgen Reuß ist freier Journalist, nicht nur von Berufs wegen neugierig und hat das Glück, dass ihm Recherchieren Spaß macht.



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