Der Montag ist noch jung. Im Beverly Hilton in Beverly Hills, wo heute nacht die 89. Verleihung der Academy Awards stattfand, werden in diesem Moment gerade die Häppchenteller und Champagnergläser in die Spülmaschine geräumt und auf dem roten Teppich dreht die Kehrmaschine ihre Runden.

Die Show ist vorbei, der Abend gelaufen, und wenn man den Vorberichten Glauben schenken darf, dann war dies eine der politischsten Oscar-Galas aller Zeiten. Kein Wunder: Hollywood ist eine Hochburg der Kreativen, bekannt für eine weltoffene, linksliberale Weltanschauung. US-Präsident Donald Trump dagegen hat in den gerade mal fünf Wochen seiner Amtszeit nichts unversucht gelassen, sich als genau der rabiate, unberechenbare, konservative Macher zu profilieren, der er immer behauptete, zu sein – und den deshalb so viele Amerikaner*innen gewählt haben.

Aus diesem Grund war die Oscar-Verleihung in diesem Jahr mehr als eine bloße Show. Sie war eine Bühne des Protestes gegen die aktuelle US-Regierung: So nicht, Mr. President! Schon im Vorfeld hatte Cheryl Boone – die erste afroamerikanische Präsidentin der Awards – die Siegerinnen und Sieger aufgefordert, sich auf der Bühne politisch zu äußern. Das war neu. Anlass für Boones Appell war die Ankündigung des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi, dessen Film „The Salesman” in der Kategorie Best Foreign Film nominiert war, die Awards wegen Trumps Einreiseverbot für Bürger*innen aus sieben überwiegend muslimischen Staaten zu boykottieren. „Jede und jeder von uns weiß, das es an diesem Abend einige leere Stühle im Saal geben wird”, sagte Boone, „das macht uns alle zu Aktivisten!”

Eine, die das schon seit langem praktiziert, ist Meryl Streep. Die 67-Jährige war in diesem Jahr zum 20. Mal für einen Oscar nominiert, aktuell mit ihrer Rolle als durchgeknallte Operndiva in „Florence Foster Jenkins”. Anfang des Jahres hatte sie Donald Trump bereits direkt angegriffen, weil der sich bei einem Wahlkampfauftritt vor laufenden Kameras über die Bewegungen eines körperlich behinderten Journalisten lustig gemacht hatte. Ihre Rede anlässlich der Verleihung eines Golden Globe für ihr Lebenswerk setzte Maßstäbe. „Wenn die Mächtigen ihre Position benutzen, um andere zu tyrannisieren, dann verlieren wir alle”, sagte sie. Trump nannte sie daraufhin per Twitter „eine der am meisten überschätzten Schauspielerinnen in Hollywood”.

Vor zwei Wochen legte Streep bei der Spenden-Gala der Menschenrechtsorganisation Human Rights Campaign dann noch einmal nach: „Wenn wir diesen gefährlichen Moment überleben, wen sein katastrophaler Instinkt uns nicht in einen nuklearen Winter führt, dann müssen wir uns bei unserem Präsidenten bedanken – weil er uns geweckt und gezeigt haben wird, wie fragil die Freiheit wirklich ist.”

Dass Schauspieler*innen die Bühne der Academy Awards für politische Botschaften nutzen, ist nichts Neues. 1972 etwa verweigerte der Schauspieler Marlon Brando den Oscar für seine Rolle als Mafiaboss in „The Godfather” und ließ stattdessen die Apache-Aktivistin Sacheen Littlefather, die ihn vertrat, vor den versammelten Stars gegen die Diskriminierung der Native Americans in den USA demonstrieren. Oder der Dokumentarfilmer Michael Moore. Als der 2003 für seine Anti-Waffenlobby-Doku „Bowling for Colombine” mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, nutzte er seine Rede, um unter lautstarken Jubel- und Buhrufen des Publkums gegen den Irak-Krieg zu protestieren: „We are against this war! Shame on you, Mr. President!” Und auch im vergangenen Jahr war Politik ein wichtiges Thema bei den Academy Awards. Weil in den wichtigsten Kategorien keine Afroamerikaner*innen nominiert waren, hielt Moderator Chris Rock eine bitterböse Rede auf den „Preis der Weißen”.

2017 standen die Oscars nun noch stärker im Zeichen innergesellschaftlicher Konflikte in den USA. Die United Talent Agency, eine der bekanntesten Schauspiel-Agenturen in Hollywood, sagte deshalb gestern ihre traditionelle Oscar-Party ab und rief stattdessen zur Kundgebung gegen Trumps Politik auf, in der viele eine Bedrohung für die Weltoffenheit und den inneren Zusammenhalt der USA, für das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Religionsfreiheit sehen.

Im amerikanischen Blockbuster-Kino ist von dieser politisch aufgeladenen Stimmung allerdings kaum etwas zu spüren. Unter den zehn erfolgreichsten Filmen von 2016, die insgesamt knapp 3,7 Millarden US-Dollar einspielten, finden sich fünf sorglose Animationen wie „Findet Dorie”, „Pets” oder „Zoomania” sowie fünf düstere Sci-Fi- oder Fantasy-Dramen aus einer apokalyptischen Zukunft wie „Rogue One: A Star Wars Story”, „Captain America: Civil War” oder „Deadpool”.

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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