Wir wissen alle, dass unsere Daten im Netz ein eigenes Leben führen. Aber was erzählen sie über uns?

Wir hinterlassen Spuren im Internet und wissen, dass wir nicht leichtsinnig sein sollen. Aufpassen, was wir in den sozialen Netzwerken von uns preisgeben, sollen wir. Daran denken, wie sehr peinliche Bilder oder Posts uns auch viele Jahre später noch schaden können.

Viele von uns wissen außerdem, dass all unsere Bewegungen im Netz verfolgt werden. Was wir in Google suchen und finden, was wir bei Amazon gerne kaufen würden, was wir youtuben und auf Facebook liken, welchen Blogs und Stars wir folgen: es wird gezählt und aufgezeichnet. Data Minining nennt sich das. Daten schürfen. Es bringt gut auf den Punkt, dass wir mit unseren Aktivitäten im Netz einen wichtigen Rohstoff produzieren: Daten, eingegeben von echten Menschen. Unsere Reaktionen und Äußerungen werden in den Maschinenhallen der Internetkonzerne gebraucht. Wir, die Userinnen* sind der Rohstoff für die Entwicklung von künstlicher Intelligenz. Was die Rechenmaschinen heute schon können und was sie einmal alles können sollen: davon haben die meisten von uns keine Ahnung.

Wir können es uns nicht vorstellen. Deshalb machen wir uns keine Gedanken und nutzen das Netz genauso wie alle anderen. Alles ist ja so praktisch und funktioniert so gut, gerade bei den Großen, die viele User haben, die Mehrheit. Eine Suchmaschine zu benutzen oder ein Netzwerk, die unsere Daten nicht abfischen? Wozu sollten wir uns diese Mühe machen?

Zwei New Yorker Künstlerinnen, die außerdem programmieren, haben deshalb eine App entwickelt: Data Selfie. lädt uns ein, den Kopf aus dem Sandhaufen zu ziehen und einfach mal auszuprobieren, was Facebook über uns wissen könnte. Regina Flores Mir und Hang Do Thi Duc wollen uns mit ihrem Projekt einen Blick in unser digitales Selbst schenken, an dem wir unbewusst täglich arbeiten, das uns aber verborgen bleibt. Hier können wir selbst erfahren, was man mit Data Mining alles machen kann. „Heute bestimmen Algorithmen und Big Data große Teile unseres Lebens. Deshalb solltest du Vorstellung davon haben, welche Macht deine eigenen Daten über dich haben und wie sie dich beeinflussen können“ schreiben die beiden.

DS ist eine Browser-Erweiterung, die ihr kostenlos herunterladen könnt wie andere Erweiterungen (z.B. Werbeblocker) auch. Während du auf Facebook bist, läuft Data Selfie im Hintergrund und speichert deine Klicks auf Links, Likes, wie lange du auf einzelnen Posts verweilst und auf Facebook bleibst sowie alles, was du selbst tippst. Im Unterschied zu Facebook speichert DS diese Daten aber nur lokal auf deinem Rechner. Nach ein paar Tagen kannst du dein Data Selfie abrufen und anschauen – und dabei einen Eindruck bekommen, was Facebook alles über dich wissen könnte. Ziemlich beeindruckend ist das.

Regina und Hang benutzen andere Maschinen als Facebook. Ihre Maschinen sind nicht geheim, sondern open source. Ihr könnt also davon ausgehen, dass sie wesentlich weniger Macht haben als das Original. Denn auch wenn DS mit wissenschaftlichen Netzwerken kooperiert: Facebook verfügt über unvorstellbar viel größere Datenmengen. DS hat außerdem wenig Geld und verfolgt keine kommerziellen Interessen. Trotzdem sind die Ergebnisse beeindruckend genug.

Leider gibt es bestimmte Nutzungsvoraussetzungen für Data Selfie: ihr müsst regelmäßig auf Facebook sein. Ihr müsst es über den PC tun – mobil geht es nicht. Ihr müsst Google Crome als Browser nutzen oder dafür installieren. Außerdem kann DS eure Klicks in deutschen Netzen zwar gut verfolgen und damit rechnen, aber versteht nicht, was ihr auf deutsch postet. Das müsstet ihr – für die volle Selbsterfahrung eures digitalen Ich – für eine Weile auf Englisch tun, wenigstens zum Teil. Aber: die Mühe lohnt sich. Dieses Experiment macht Spaß. Und ist ziemlich gruselig. Psychotests und -spielchen sind pillepalle dagegen.

 

 

 

 

 

 

 

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Über den Autor

Birgit Heidtke arbeitet als Autorin und Historikerin in Freiburg. Sie organisiert Veranstaltungen, produziert Texte, Stadtrundgänge und viele andere Sachen.



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