Bewegt die Leute dazu, was euch selbst bewegt!

Die Aula im Freiburger Haus der Jugend ist gut gefüllt. Mehr als 100 Menschen sind zum Treffen des diesjährigen 8er-Rats gekommen, der 2015 als Projekt des Jugendbüros im Jugendbildungswerk an den Start ging und sich aktuell aus 68 Schülerinnen und Schülern der 8. Klassen der Hebelschule, der Wentzinger-Realschule und des Kepler-Gymnasiums zusammensetzt. Ziel des Projektes ist es, Jugendliche an wichtigen Planungen und politischen Entscheidungen zu beteiligen, die ihr Leben in der Stadt direkt betreffen. In einem erstem Schritt schlagen sie dafür Themen vor, die sie bewegen, und diskutieren dann in gemischten Arbeitsgruppen die Wünsche und Forderungen, die sie den Verantwortlichen in der Politik und Verwaltung vortragen möchten.

So wie am letzten Freitag im Haus der Jugend. Sechs Gemeinderäte* sind gekommen und gut zwei Dutzend Mitarbeiter* aus der Verwaltung. Leute von der Abfallwirtschaft, vom Garten- und Tiefbauamt, vom Stadtplanungsamt und anderen Ämtern, der Polizei, dem Einzelhandelsverband z’Friburg in der Stadt. Die Erwachsenen haben sich unter die Schüler* gemischt, stehen oder sitzen mit ihnen in kleinen Gruppen zusammen, reden miteinander, lachen, machen sich Notizen. Es herrscht eine ruhige, konzentrierte Arbeitsatmosphäre, die alle 15 Minuten von einem Gong aufgemischt wird: Bitte weitergehen, neues Thema, nicht sitzen bleiben, alle sollen die Möglichkeit haben, allen Anwesenden ihr Anliegen vorzustellen.

Einer der 68 vom 8er-Rat ist Markus. Selbstbewusst und breitbeinig hat er sich vor der Schautafel seiner Gruppe aufgebaut – eine Hand am Smartphone, auf dem gerade Google Maps die GPS-Daten einer vermüllten Straße in seiner Nachbarschaft lädt, die andere gestikulierend vor zahllosen Zetteln mit Argumenten gegen die aggressive Achtlosigkeit, mit der Menschen ihren Abfall in der freien Natur, in Vorgärten, an Haltestellen oder auf öffentlichen Plätzen entsorgen. „Ich schäme mich, wenn Freunde kommen, weil es bei mir aussieht wie im Ghetto”, heißt es auf einem der Zettel. Markus hat sich in Rage geredet. Er sagt, was für ihn das Problem ist: „Müll zieht Müll an“. Liege erst irgendwo ein Pizzakarton auf der Straße und daneben ein Starbucks-Becher und ein Taschentuch und ein Haufen Scherben, dann würden die Leute bald nicht mehr einsehen, warum sie ihr Zeug nicht auch in die Landschaft schmeißen sollten. Schon gar nicht, wenn überall Mülleimer fehlen – oder Menschen, die sie leeren, wenn sie voll sind. Die anwesenden Erwachsenen, die den Achtklässler um zwei, drei Köpfe überragen, nicken interessiert und anerkennend. Einer sagt, er wolle sich die Situation vor Ort mal näher ansehen und gibt Markus seine Mail-Adresse, ein anderer ermutigt den Schüler und seine Freunde, am Problem dranzubleiben, auch wenn’s Gegenwind gibt. Und alle sind sich einig: Super Performance.

Auch vor den anderen Schauwänden wird intensiv diskutiert. Über mehr Mitbestimmung an der Schule und das Problem des digitalen Analphabetentums vieler Lehrer*. Über bessere Sportplätze in den Stadtteilen, die Benachteiligung von Fußgängern* im Straßenverkehr, fehlende Räume für Jugendliche zur freien Nutzung oder Möglichkeiten zur Reduzierung von Kriminalität und der Verbesserung des persönlichen Sicherheitsempfindens der Menschen.

Ohne konkrete Lösungsvorschläge, aber mit klaren Forderungen wartet dagegen die Gruppe auf, die das Thema Rassismus vorbereitet hat. Ihr Tisch ist dicht besetzt, ihre Schautafel übersät mit klaren Slogans („Kein Rassismus in unserer Schule!”) und bohrenden Fragen. Eine davon lautet: Wo fängt Rassismus an? Für Maryam, die als eine von zwei Schülerinnen in ihrer Gruppe mit Hijab am Tisch sitzt, ist die Sache klar. Vor kurzem sollten sich alle in ihrer Klasse eine Praktikumsstelle suchen. Maryam möchte später eine Ausbildung als Pharmazeutisch-technische Assistentin machen. Deshalb bewarb sie sich bei einer Apotheke in ihrem Viertel – und bekam eine Absage. Der Grund: Die Apotheke nehme keine Praktikanten*. Am Tag darauf bewarb sich dort auch ihre Freundin – und bekam eine Zusage. „Wie kann das sein?”, fragt Maryam empört in die Runde, und äußert ihren Verdacht: „Ich trage Kopftuch, meine Freundin nicht”. Die anderen nicken heftig und fangen an, von ihren eigenen Erfahrungen zu erzählen. Von wildfremden Menschen in der Straßenbahn zum Beispiel, die ihnen sagen, sie sollten zurück in ihre Heimat gehen, obwohl sie doch in Deutschland geboren sind und einen deutschen Pass haben.

Nach gut einer Stunde ertönt erneut der Gong, dieses Mal zur letzten Runde: Nun wird es ernst, den jetzt sind die Gäste aus Politik und Verwaltung gefragt, welches der Projekte des 8er-Rates sie persönlich durch tatkräftige Mithilfe, Fürsprache oder zielgerichtetes Networking unterstützen möchten. Zwei der Gemeinderäte sind bereits gegangen – wegen anderen Terminen –, doch die anderen vier versprechen, sich für die konkreten Projekte der Jugendlichen einzusetzen: Julia Söhne von der SPD für den Müll und die Digitalisierung in den Schulen, David Vaulont von den Grünen für dem Kampf gegen Rassimus an den Schulen, für mehr Sicherheit und bessere Bedingungen für Fußgänger in der Stadt, Sergio Schmidt von der Fraktion Junges Freiburg für bessere Sportplätze und die Öffnung von schulischen Flächen und Räumen zur Kultur- und Freizeitnutzung außerhalb der Unterrichtszeiten, und Berthold Bock von der CDU für das Thema Sicherheit in Freiburg und Räume für die Kultur.

Wie und ob die Gemeinderäte* bei der Realisierung dieser Projekte tatsächlich helfen konnten, wird sich übrigens im Juli 2017 zeigen. Dann sollen beim Abschlusstreffen des bislang zweiten 8-er-Rates die Ergebnisse vorgestellt werden. Good luck!

 

 

* alle Geschlechter sind gemeint

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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