Wie Weingarten gehört Landwasser zu den Stadtteilen mit einem eher schlechten Ruf. Zu viele Hochhäuser, zu viele soziale Probleme, zu weit draußen, zu viele AfD Wählerinnen*: dieses klassischen Vorstellungen über eine Satelitenstadt werden in Freiburg gerne gepflegt.

Indirekt kamen sie auch in der Debatte um den Neubau des Einkaufszentrums auf den Tisch. In den oberen Stockwerken des EKZ sollen zwischen 200 bis 300 neue Wohnungen entstehen. Die Mehrheit im Rat war damit einverstanden, Investor Unmüssig von der Pflicht zu befreien, die Hälfte der Wohnungen sozial gebunden zu vermieten: zu ca. 20% unter dem Marktpreis, für eine befristete Zeit von 10 oder 20 Jahren. Ein Argument in der Debatte war dabei, dass gerade Landwasser Sozialwohnungen gar nicht brauchen könnte. Hier seien die Mieten ohnehin niedriger als überall sonst und was dem Stadtteil fehle, das sei eine gute „soziale Durchmischung“. Mehr Mittelstand am Stadtrand. Das wollte die Stadtverwaltung schon 1964, als das neue Wohngebiet geplant wurde.

Im letzten Jahr feierte Landwasser sein 50jähriges Bestehen. Ähnlich wie heute, gab es auch in den 1960er Jahren zu wenig Wohnungen in Freiburg. In der Ära des Nachkriegswirtschaftswunders waren 55.000 Neubürgerinnen* in die Stadt gezogen. Auch damals lebten Familien in viel zu kleinen Wohnungen. 1964 stellte Freiburg ein 5-Jahresprogramm für den sozialen Wohnungsbau auf. Landwasser sollte ein Stadtteil mit guten Mischungsverhältnissen werden, kein sozialer Brennpunkt, sondern ein Wohnort für Familien mit kleinen und mittleren Einkommen. So zogen ab 1966 Mieter* in die Hochhäuser und Riegelwohnanlagen, während Eigentümer* ihr neues Heim in Bungalows oder Reihenhäusern fanden.

In seiner Hochzeit, 1974, lebten in Landwasser 9.000 Menschen. Aktuell sind es fast 2.000 weniger. Aus Sicht der Stadtplanung ist der Stadtteil über die Jahre in eine gewisse Schräglage geraten. Heute gehört Landwasser zu den Quartieren, wo im Vergleich zum städtischen Durchschnitt mehr Ältere, mehr Leute mit niedrigen Einkommen und viele Zugewanderte mit und ohne deutschen Pass leben. Viele der großen Wohnanlagen, wie die 16-Stöcker in der Auwaldstraße, müssten saniert werden. Außenanlagen, Spiel- und Bolzplätze in der Nachbarschaft sind runtergekommen oder einfach altmodisch. Doch die Eigentumsverhältnisse in Landwasser machen eine Erneuerung nicht so einfach.

In der Gründungszeit Landwassers waren die Mietwohnungen im Stadtteil in der Hand von gemeinnützigen Baugesellschaften, unter anderen katholische, evangelische, gewerkschaftliche Träger. Davon ist heute fast nichts geblieben. Zwei Wohnkomplexe gehören der Baugenossenschaft Familienheim und die AWO betreibt eine Seniorenwohnanlage. Ansonsten sind große Immobilienunternehmen wie die TAG und Vonovia im Spiel. Sie haben die Mietwohnungen in den letzten beiden Jahrzehnten in großen Brocken übernommen. In die Infrastruktur zu investieren, muss sich also wirtschaftlich lohnen.

Immobilienfirmen begannen außerdem, die Wohnungen einzeln auf den Markt zu bringen. Damit lässt sich sehr viel Geld verdienen, der Verkaufsertrag kann bei der Aufteilung einer Wohnanlage in Einzelwohnungen bis zu 100% über dem Einkaufspreis liegen. In der nördlichen Auwaldstraße, im Bereich zwischen dem Einkaufszentrum und dem kleinen Moosweiher ist der Wohnbestand mittlerweile im Besitz von vielen Einzeleigentümern*. Manchmal haben hier die ehemaligen Mieter* gekauft. Viele Wohnungen aber sind Geldanlagen, sogenanntes „Betongold“, das relativ gute Zinsen einbringt. Allerdings nur dann, wenn die alten Mieter* – mit ihren alten Verträgen, möglichst bald ausziehen.

Jenny Sendler** wohnt mit ihren beiden Töchtern seit 2002 in einem der Riegelhäuser an der Auwaldstraße, in einer 4-Zimmer Wohnung im dritten Stock. In den letzten Jahren wechselte der Immobilienhalter dreimal, 2015 wurde ihre Wohnung an einen privaten Eigentümer verkauft. Weil sie schon lange hier wohnt, gilt ihr alter Mietvertrag noch bis 2022. Dann muss sie ausziehen. Oder eine Miete aufbringen, die ohne weiteres 30%, 40% über dem liegen wird, was sie jetzt zahlt.

Noch gibt es in Landwasser Wohnungen, die für Freiburger Verhältnisse relativ bezahlbar sind. Vieles spricht dafür, dass dies so nicht bleiben wird. Freiburg gehört zu den wachsenden Städten, wo die Mietpreise steigen. Wohnungen sind also eine lohnende Geldanlage, gerade auch dort, wo bei den Preisen für den Quadratmeter noch viel Luft nach oben ist. Der Markt alleine wird es schon richten: es braucht dafür gar keine Ratsbeschlüsse.

*alle Geschlechter sind gemeint

**Name geändert

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Über den Autor

Birgit Heidtke arbeitet als Autorin und Historikerin in Freiburg. Sie organisiert Veranstaltungen, produziert Texte, Stadtrundgänge und viele andere Sachen.



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