Apples, Pears & The Shameless Eight

Jedes Jahr, wenn sich im schweizerischen Davos die Regierenden und Entscheiderinnen* zum Weltwirtschaftsforum treffen, rücken die Kampagnenprofis der Nichtregierungsorganisation Oxfam ihre Mikrophone zurecht und verkünden zeitgleich vor laufender Kamera die Ergebnisse ihrer jeweils aktuellen Erhebung über die soziale Ungleichheit in der Welt. In diesem Jahr fiel das Ergebnis besonders krass aus. Acht Männer, so die Oxfam-Studie, besitzen heute so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, die zusammen auf immerhin 3,6 Milliarden Menschen kommt. Im einzelnen sind das:

1. Bill Gates (Microsoft): 75 Mrd. US-Dollar

2. Amancio Ortega (Zara): 67 Mrd. US-Dollar

3. Warren Buffett (Berkshire Hathaway): 60,8 Mrd. US-Dollar

4. Carlos Slim Helu (Grupo Carso): 50 Mrd. US-Dollar

5. Jeff Bezos (Amazon): 45,2 Mrd. US-Dollar

6. Mark Zuckerberg (Facebook): 44,6 Mrd. US-Dollar

7. Larry Ellison (Oracle): 43,6 Mrd. US-Dollar

8. Michael Bloomberg (Bloomberg LP): 40 Mrd. US-Dollar

Und es gibt noch eine schlechte Nachricht: Denn ein Ende der wachsenden Ungleichheit ist nicht abzusehen. Im Gegenteil. Nimmt man frühere Oxfam-Studien zum Vergleich, dann waren es vor einem Jahr noch 62 Superreiche, vor zwei Jahren 89 und 2010 gar noch 388, denen so viel Geld zur Verfügung stand wie den ärmeren 50 Prozent der Menschheit. Die Kluft zwischen Arm und Reich, so scheint es, wird immer schneller immer größer. Aber kann es wirklich sein, dass sie dermaßen rasant wächst, wie die Zahlen von Oxfam es nahelegen? Und was würde das für die nahe Zukunft bedeuten: Werden in ein paar Jahren dann vielleicht nur noch zwei oder drei superpotente Ultra-Richies über die Hälfte des Weltvermögens verfügen?

Nein, ganz so radikal dürfte sich die Ungleichheit dann wohl doch nicht darstellen.

Insofern führen die Zahlen der aktuellen Oxfam-Studie also auf eine falsche Fährte. So wichtig ihre Kernbotschaft („Menschen sind wichtiger als Profite!”) und die damit verbundenen Vorschläge zur Umverteilung von Reichtum – etwa durch höhere Steuern oder die Stärkung verantwortungsvollen unternehmerischen Handelns – auch sind: Die Rechnung, aus der das krasse Gegensatzpaar 8 und 3.600.000.000 folgt, ist ein Paradebeispiel für deftige Zuspitzung im Dienste der Gerechtigkeit. Warum? Nun: Grundlage der Studie waren zum einen die geschätzten Vermögenswerte der Superreichen, die das US-Wirtschaftsmagazin Forbes jährlich in einem Ranking, der sogenannten Forbes-Liste, zusammenfasst; zum anderen eine von der Schweizer Bank Credit Suisse veröffentlichte Schätzung des Vermögens der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung, basierend auf der Summe ihrer Ersparnisse nach Abzug der Schulden. Äpfel mit Birnen vergleichen, nannten das nicht ohne Grund zahlreiche Expertinnen* von der Süddeutschen Zeitung bis zum Handelsblatt.

Die grundsätzlliche Frage, die sich daran anschließt, lautet also: Wie sehr dürfen wir flunkern, um einer guten Sache zum Durchbruch zu verhelfen? Stimmt: Überhaupt nicht. Doch heißt das andererseits, dass die aktuelle Oxfam-Studie deshalb irrelevant ist? Wohl kaum. Bärbel Kofler, Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, nennt sie zu Recht sogar „alarmierend”. Denn unabhängig davon, ob nun 8, 62, 89 oder 388 Superreiche so viel besitzen, wie die ärmere Häfte der Welt – es ändert nichts am Grundproblem, auf das die Studie hinweist: die rapide wachsende soziale Ungleichheit in der Welt und die damit zugleich rasant schwindenden Chancen für immer mehr Menschen, der Armut zu entkommen. Für den Frieden ist das ebenso bedrohlich wie für die demokratische Entwicklung in der Welt.

* alle Geschlechter sind gemeint

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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