Ohne Dach über dem Kopf der Kälte entkommen

Leichter Regen, heftiger Wind – keine Frage, diese Nacht war unruhig, aber nicht kritisch. Heute morgen um sieben zeigte das Thermometer in Freiburg drei Grad plus. Angesichts der Kältewelle, die uns in den nächsten Tagen den Frost zurückbringen soll, ist das ein moderater Wert. Doch für Obdachlose könnte es schon bald lebensgefährlich werden, die Nacht im Freien zu verbringen. Für kommenden Dienstag rechnen die Wetterdienste für Freiburg mit Temperaturen bis zu minus zehn Grad. Deshalb richtete die Stadt jetzt als Erfrierungsschutz im ehemaligen ADAC-Gebäude in der Haslacher Str. 199 eine provisorische Notunterkunft für Betroffene ein. Bis zu zehn Personen können seit gestern abend im Erdgeschoss des ungenutzen Bürokomplexes übernachten, die Türen öffnen um 20 Uhr und schließen am nächsten Mogen um 9 Uhr. In den nächsten Wochen stehen den über 800 Freiburger Obdachlosen auf der Flucht vor der Kälte darüber hinaus bis zu 70 Betten in der Erstanlaufstelle „Oase” zur Verfügung. Insgesamt verfügt die Stadt über 388 Wohnheimplätze. „Wer bei uns anklopft, wird nicht abgewiesen”, verspricht Sozialbürgermeister Ulrich von Kirchbach – und fasst damit in blumige Worte, was Jurist*innen angesichts des Wintereinbruchs ohnehin als staatliche Schutzpflicht ansehen. Wenn in drei Monaten dann der Frühling kommt, werden in der Haslacherstraße die Bagger anrollen und das ehemalige ADAC-Haus abreißen. Stattdessen soll hier Wohnraum entstehen.

Übrigens:

Kurz vor Weihnachten veröffentlichte die Bundesregierung auf Nachfrage der Fraktion der Linken jüngste Zahlen zur Obdach- und Wohnunslosigkeit. Demnach verfügen aktuell rund 335.000 Menschen in Deuschland über keinen mietvertraglich abgesichterten Wohnraum, leben in Notunterkünften oder auf der Straße – gut ein Drittel mehr als noch vor fünf Jahren. Da die Bundesregierung zu dieser Frage bislang keine Statistik erstellen ließ, musste sie sich auf Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe – kurz BAGW – berufen. Diese stellt darüber hinaus fest: Vor allem Männer sind von Odach- und Wohnungslosigkeit betroffen, doch auch 29.000 Kinder leben derzeit mit einem oder beiden Elternteilen auf der Straße. Die größte Gruppe unter den weiblichen Obdachlosen bilden der BAG W zufolge Arbeitsmigrantinnen aus osteuropäischen Staaten. Dass sich deren prekäre Situation in absehbarer Zeit zum Guten wenden wird, ist nach Einschätzung der Arbeitsgemeinschaft ebenso wenig zu erwarten wie ein Rückgang der Wohnungslosenzahlen insgesamt. Im Gegenteil. Bis Ende 2018, so befürchten die Expert*innen, dürfte ihre Zahl weiter auf 536.000 steigen.

Die Gründe, die zu Obdach- oder Wohnungslosigkeit führen können, sind vielfältig. Eine Studie der Diakonie Deutschland nennt neben Schulden, Verlust des Arbeitsplatzes, Trennung oder häuslicher Gewalt auch Sucht, Krankheit oder – stadtentwicklungspolitisch brisant – den Anstieg von Mieten durch Gentrifizierung. Die Sozialwissenschaftler*innen sind sich einig: Lebt ein Mensch erst mal auf der Straße, ist die Rückkehr in ein geregeltes Leben oft sehr schwer – nicht zuletzt weil bürokratische Hürden ihm die Teilhabe an der Gesellschaft massiv erschweren. „Eine Wohnung gibt es oft nur bei geregeltem Einkommen, einen Job nur bei festem Wohnsitz”, beschreibt Rolf Keicher von der Wohnungsnothilfe der Diakonie Deutschland den Teufelskreis.

Für die anstehende Kältewelle rufen Diakonie, Caritas, BAG W und andere jetzt gemeinsam zum Hinschauen auf: „Seien Sie aufmerksam! Wenn Sie wohnungslose Menschen sehen, die hilflos oder in einer Notsituation sind, setzen Sie die Polizei in Kenntnis, wählen Sie den Notruf 110! Alarmieren Sie bei akuter gesundheitlicher Gefährdung den Rettungsdienst 112!”

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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