Viele Weihnachten!

Kurz vor Weihnachten gab es im Freiburger Jazzhaus ein Fest zum Internationalen Tag der Migrantinnen**. Dort wollten wir wissen, wie junge und ältere Freiburger** aus aller Welt Weihnachten verbringen.

Als erste fragte ich Batemhamsamdendambar* (38) und Bereschbaterdrum* (13). Diese ungewöhnlichen Namen sind typisch mongolisch. So lang wie das Leben, das die Eltern ihren Kindern wünschen, erklären mir die beiden. Zwar gebe es in der Mongolei kein Weihnachten, „aber wir sind ja auch Freiburger und feiern deshalb genauso wie alle, europäische Weihnachten: wir kaufen den Baum, Geschenke und feiern mit Freunden und der Familie.“ Umgekehrt findet auch der Weiße Mond, das mongolische Neujahrsfest, in Freiburg statt, allerdings erst im Februar und ist hier längst nicht so groß wie das Original. Offiziell dauert der Weiße Mond in der Mongolei 3 Tage, in Wirklichkeit aber mindestens einen Monat. „Im Mittelpunkt stehen die älteren Leute, denn es ist unsere Tradition, sie zuhause zu besuchen und zwar alle Älteren, nicht nur die Verwandten. Die Alten müssen dafür Geschenke und Essen vorbereiten. Für sie ist das ist eine riesengroße, tolle Aufgabe. Meine Mama muss jedes Jahr ungefähr 300 Geschenke und 3.000 Teigtaschen für ihre Gäste machen“, erzählt Batemhamsamdendambar lachend. Leider habe ich vergessen zu fragen, wann und wo genau die beiden den Weißen Mond 2017 in Freiburg feiern werden.

Emil*(17) lebt seit 14 Monaten in Freiburg, er ist alleine aus Afghanistan gekommen. „Ich feier schon am 23. in meiner Wohngruppe. Ich habe Geschenke für die anderen, bekomme Geschenke, es gibt Schokolade und Kuchen, wir sitzen zusammen und machen Party. Die meisten fahren am nächsten Tag zu ihren Familien. Ich mache dann was mit meiner Betreuerin. Dieses Jahr ist das mein zweites Weihnachten, in Afghanistan feiern wir das nicht, aber die Neujahrsparty machen wir schon.“

Nora* (43) feiert deutsch-peruanisch, in der Familie. „Für mich ist es wichtig, am 24. sehr spät richtig groß zu essen. Da mache ich jedes Jahr einen Truthahn. In Peru trinkt man Weihnachten traditionell heiße Schokolade, obwohl es dort sehr warm ist! Mit den Geschenken sind wir hier deutsch geworden, die gibt es schon am Nachmittag. In Peru warten wir damit bis 24 Uhr am Heiligen Abend. Mein Weihnachtsgefühl hat sich nicht verändert in Deutschland, es ist auch in Peru die Zeit zum Zusammensein und wo man darüber nachdenkt, wie es einem selbst geht und den anderen.“

Fausta* (62) und Teresa* (85) sind Italienerinnen und leben beide schon ewig in Freiburg. Teresa würde am liebsten gar nichts besonderes zum Fest machen. Nur für die Nichten und ihre Kinder gibt es Kleinigkeiten. „Für was, warum? Es gibt so viele Probleme, was sollen da die Geschenke, der Baum“. Bei Fausta steigt Heilig Abend immer eine Single Party: „Seit meine Eltern gestorben sind und auch die Eltern von den Menschen, mit denen ich lebe, laden wir die wenigen ein, die nicht als Paar allein oder mit ihren Kindern feiern. Das ist unsere Tradition, seit ungefähr 15 Jahren. Es gibt keine Geschenke, nur kleine Sachen, die unsere Gäste mitbringen.“

Bei Johanna* (12) gibt es die Geschenke erst am Zweiten Feiertag, denn dann erst beginnt in Ghana Weihnachten, und daran hält sich ihre Familie auch in Freiburg – zum Teil jedenfalls. Denn Weihnachten fängt hier doch schon am 25. an „ da feiern wir zuerst in der Kirche, in der Internationalen Christengemeinde und danach gehen wir zu meiner Tante – da gibt es das erste große Essen.“

Nadima* (34) kommt aus Syrien. Es ist ihr zweites Weihnachten in Freiburg und sie ist noch nicht sicher, was sie machen wird. „Eigentlich ist es nicht mein Fest. Aber wenn meine Freunde feiern, will ich natürlich mitfeiern. Bis jetzt habe ich noch keine Einladung, aber ich glaube, das passiert noch – da bin ich sicher“.

So ählich sieht es auch Alaska* (22), der mir erzählt, dass in seinem Heimatland Syrien Christen und Muslime ihre Feste immer zusammen feiern, zum muslimischen Fest werden die Christen eingeladen und umgekehrt. Sogar einen Weihnachtsbaum hätte seine Familie in Syrien normalerweise. Für ihn ist es das erste Weihnachten in Deutschland. Als Flüchtling engagiert er sich in einem Tandemprojekt, wo er versucht, Flüchtlinge und Einheimische zusammen zu bringen. „Ich habe viele Freunde und deshalb viele Einladungen. Ich muss ein bisschen überlegen, wo und wann und mit wem ich zu wem gehen will. Das ist super. Ich fühle mich wie zuhause.“

Svetlana* (43) freut sich auf karibische Weihnachten. „Ich werde nach Paris fahren, zu meiner früheren Mitbewohnerin. Sie ist Amerikanerin mit haitianischen Wurzeln. Ihre Adoptiveltern leben heute in Brüssel, dort fahren wir zusammen hin und essen Heilig Abend haitianisch. Das ist der Plan. Die Russischen Weihnachten sind dann 13 Tage später. Doch Weihnachten ist für Russen nicht so wichtig. In der Sowjetzeit sollte das abgeschafft werden und weil das nicht klappte, haben die Kommunisten eine Symbiose aus Weihnachten und Silvester geschaffen. Alles, was Heilig Abend in Deutschland läuft, passiert dort Silvester: die Familie sitzt zusammen, es wird viel gekocht und gegessen, Kinder finden Geschenke unterm Baum. Was wir dieses Silvester machen, weiß ich noch nicht, vielleicht feiern wir hier, vielleicht fahren wir nach Berlin zu meinen israelischen Freunden.“

Ich selbst bin dieses Jahr bei meinen Geschwistern in Irland. Dort gab es vorgestern zuerst Geschenke und danach sind wir mit ungefähr 100 anderen in den Atlantik gesprungen: das ist hier so Tradition. Und wie viele Weihnachten hattet ihr?

**gemeint sind alle Geschlechter

*manche Namen sind geändert, manche nicht

 

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Über den Autor

Birgit Heidtke arbeitet als Autorin und Historikerin in Freiburg. Sie organisiert Veranstaltungen, produziert Texte, Stadtrundgänge und viele andere Sachen.



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