Rückblick auf ein krasses Jahr

Es ist seltsam. Egal, wem man in den letzten Tagen begegnet – irgendwann kommt immer der Moment, in dem die Leute seufzen: „Hey, war das ein krasses Jahr!“ Und es stimmt, sie haben recht: 2016 war wirklich ein krasses Jahr. So krass, das man gar nicht weiß, wo man angefangen soll, wenn man aufzählen will, was in den letzten zwölf Monaten alles verkehrt lief und was passierte, von dem man sich weder wünschen konnte noch im Entferntesten ahnte, dass so etwas jemals passieren würde.

Könnt Ihr euch noch im Einzelnen erinnern, wie dieses Jahr anfing? Wie genau sich 2016 am 1. Januar anfühlte? Nicht? Wir auch nicht. Aber es lohnt sich, es zu probieren, um sich darüber klar zu werden, wie sehr sich die Welt seither tatsächlich verändert hat. Drei Beispiele:

Am 1. Januar 2016 hat Jan Böhmermann sein „Schmähgedicht“ über den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan noch nicht geschrieben. Logisch: Denn auch der Song, auf den sich sein TV-Beitrag bezieht – der am 17.3. im ARD-Magazin extra3 ausgestrahlte Hit „Erdowie, Erdowo, Erdowahn“ – ist noch nicht in der Welt. Der Grund: die EU und die Türkei verhandeln zwar bereits über die Rücknahme von Bootsflüchtlingen, die auf den griechischen Inseln ankommen, das umstrittene Abkommen wird aber erst am 18.3. unterzeichnet. Böhmermanns „Schmähgedicht“ löst eine diplomatische Krise aus.
Drei Monate später, am 15. und 16. Juli 2016, kommt es zum Putschversuch des türkischen Militärs, das die Regierung Erdogan stürzen will. Der Putschversuch scheitert, Erdogan ruft den Notstand aus. Im Lauf der folgenden Monate werden mehr als 2000 gemeinnützige Einrichtungen wie Schulen, Universitäten oder Krankenhäuser aufgeglöst und über 110.000 Beamte, Soldaten, Richter und Polizisten entlassen oder verhaftet.

Am 1. Januar 2016 haben die Vorwahlen in den USA noch nicht begonnen – sie starten erst am 1. Februar. Donald Trump ist noch Businessman und nur einer von rund einem Dutzend republikanischer Mitbewerber um das Amt des US-Präsidenten. Am 19. Juli kürt ihn der Parteitag in Cleveland zum Kandidaten, am 8. November gewinnt er die Wahl gegen Hilary Clinton, am 20. Januar 2017 wird er das Amt des Präsidenten antreten. In seinem Kabinett sitzen u.a. ein Ex-Öl-Manager als Außenminister, zwei Ex-Generäle als Verteidigungs- und Innenminister, drei Ex-Investmentbanker*innen als Finanzminister, Handelsminister, Arbeitesministerin …

Am 1. Januar 2016 haben die Briten noch nicht über ihren Verbleib in der EU abgestimmt. Boris Johnson, Ex-Bürgermister von London, schließt sich erst am 18. Februar der „Leave“-Kampagne der EU-Gegner an und verbreitet eine der ersten folgenschweren Fake News des Jahres, nämlich dass die EU Großbritannien wöchentlich 350 Mio. Pfund koste, die besser ins Gesundheitssystem investiert werden sollten. Weder stimmt der Betrag auch nur annähernd – es sind lediglich 110 Mio. –, auch ist nach dem Referendum, bei dem am 23. Juni gut 51% der Briten für den Brexit stimmten, unter EU-Gegnern keine Rede mehr davon, zusätzllich Geld ins Gesundheitssystem zu investieren. Die Verhandlungen über Großbritanniens EU-Auftritt sollen im März beginnen, ein Ende ist nicht in Sicht.

Was hat Euch 2016 besonders bewegt, berührt, irritiert oder empört, an das Ihr am 1. Januar noch nicht im Entferntesten dachtet? Schreibt uns!

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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