Wer ist Freiburg? Eine Videoinstallation im Freiburger Passamt

Wer gehört zu Freiburg? Die einfache Antwort ist: Alle, die da sind. Du kannst auch anfangen rumzueiern und überlegen, wer nicht dazu gehört. Es gibt aber allerdings einen Ort, an dem offiziell festgestellt wird, ob du Bürger oder Bürgerin Freiburgs bist. Das ist das Amt für öffentliche Ordnung in der Baslerstraße. Dort werden Ausweise und KFZ-Kennzeichen ausgestellt. Wer dort mit einem auf eine Freiburger Adresse ausgestellten, gültigen Ausweis rauskommt, ist vom Amts wegen FreiburgerIn.

In den Räumlichkeiten des Bürgeramtes tummelt sich jeden Tag ein bunter Querschnitt unserer Gesellschaft. Im Foyer steht ein digitaler Fotoapparat, der die Fingerabdrücke gleich mit einscannen und auf die Rechner der Beamten senden kann. Da kannst du sozusagen deine Identität in einen Rechner einspeisen und dir im Amtszimmer dann die schriftliche Bestätigung abholen, dass du als FreiburgerIn existierst – wenn du alle Formulare ordnungsgemäß ausfüllen kannst.

Aber entscheidet sich Identität und Zugehörigkeit nur in einem Verwaltungsakt? Ab Sonntag zeigt eine Videoinstallation im Passamt, dass Identität und Zugehörigkeit auch auf verwirrende Weise anders funktionieren kann. Da stellt sich zum Beispiel die 27-Jährige Agraringenieurin Paula Bauer aus Gengenbach vor:

Oder der Ringer Oskar Schindler aus Stuttgart, dreimal geschieden, acht Kinder:

Irgendetwas stimmt nicht mit ihrer Identität? Allerdings. Deshalb heißt die Installation auch “Dark Skin, White Masks”. Es sind junge Leute aus unter anderem Ghana, Syrien, Ägypten, Indien, Pakistan, Usbekistan, die seit ein paar Monaten in Deutschland leben, einfach mal die Perspektive wechseln und so tun, als ob sie Biodeutsche wären. Sie nehmen ihre Rolle sehr ernst und diskutieren zum Beispiel, ob man Flüchtlingen lieber mit Pegida-Argumenten oder mit Willkommenskultur begrüßen sollte. Je länger man zuhört, desto sonderbarer ist der Effekt, alt bekannten heftigen Diskussionen zuzusehen, die aber von Menschen geführt werden, deren Identitäten nicht recht mit dem Gesagten übereinstimmen will. Oder doch?

Schaut selber. Die Diskussion ist mit einer 360°-Kamera aufgenommen, so dass du selbst das Bild schwenken kannst – mit dem Smartphone, indem du dich drehst, am Rechner mit der Maus.

Du kannst auch selbst mitmachen und dir im Passamt eine neue Identität zulegen. Es gibt eine spezielle Sofortbildkamera, mit der du dich aufnehmen und auf einer Fotowand eine eigene fiktive Selbstbeschreibungen für dich entwickeln kannst.

Wie ist das mit der eigenen Identität? Bist du zufrieden mit deiner? Gönnst du dem anderen seine? Hättest du gern einen andere? Wer bestimmt, was die eigene Identität ist?

Die interaktive Installation ist eine Produktion von Studierenden der Hochschule Offenburg und beginnt mit dem Fest „Advent der Migranten“  am Sonntag, dem 18. Dezember um 17:00 Uhr, das jedes Jahr vom Freiburger Roma-Büro veranstaltet wird, und ist dann immer zu den Öffnungszeiten des Bürgeramtes bis Ende Januar zu sehen.

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Über den Autor

Jürgen Reuß ist freier Journalist, nicht nur von Berufs wegen neugierig und hat das Glück, dass ihm Recherchieren Spaß macht.



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