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Einmal Freiburg – Dallas und zurück

Vor acht Jahren entschied sich die Freiburgerin Shamim, ihren Lebenstraum zu verwirklichen und in die USA auszuwandern. Jetzt ist sie wieder zurückgekommen. Nein, mit der Wahl Donald Trumps hätte ihre Entscheidung nichts zu tun, versichert mir Shamim und lacht. Ihr fehlte einfach zu viel von dem in den Staaten, was für sie zu einem glücklichen Leben dazu gehört. Doch fangen wir am Anfang ihrer Auswandergeschichte an, die nämlich schon vor 27 Jahren begann.

Shamim war fünf, als sie 1989 mit ihren Eltern aus Afghanistan nach Freiburg kam. Von ihrer Flucht hat sie noch ein paar Bruchstücke im Kopf, Indien zum Beispiel, wo sie ein paar Monate Zwischenstation machten – da war es schön – oder den Frankfurter Flughafen und ihren Onkel, der sie dort empfing. Wenn sie an die Anfangszeit in Deutschland denkt, kriegt sie heute noch Gänsehaut, schwierig war alles, unsicher, beengt. „Ich kann mich genau an den ersten Tag im Kindergarten erinnern, in Weingarten. Die waren am Müsli essen. Es war damals anders, vor 25 Jahren gab es weniger Ausländer, ich war das einzige Kind in der Gruppe mit dunkeln Haaren und dunkler Haut. Ich konnte ihre Sprache nicht und die wollten nicht mit mir spielen.“

Das änderte sich, Shamim ging bald gern zum Kindergarten, ihre Eltern bekamen eine Wohnung im Metzergrün, zogen dann nach Landwasser, wo Shamim zur Schule ging. War sie eine typische Freiburger Jugendliche? „Ganz normal, aber nicht ganz. Kulturell, religiös und auch familiär war ich anders. Ausgehen, trinken, Disco, das war nicht mein Ding. Ich hab viel mit meinen Freundinnen gemacht, wir haben uns zuhause oder in der Stadt getroffen. Bleib weg von Problemen! So wurde ich aufgezogen. Deshalb bin ich fern geblieben von Leuten, die sich nicht an die Regeln halten.“

Nach der Schule machte sie eine Ausbildung als Erzieherin. Als erste Stelle entschied sie sich für ihren alten Kindergarten. Dort wollte sie es besser machen und Kinder, die es schwer hatten, Außenseiter waren, gut unterstützen. Und der Traum von den USA? Shamim hatte Verwandte dort und besuchte deshalb regelmäßig mit ihrer Familie die Staaten, später auch allein. Vor allem Texas. „Einmal im Jahr war ich bei meiner Tante in Houston. Das Leben dort hat mir sehr gefallen. Alle wussten, dass ich unbedingt nach Amerika gehen will. Dann habe ich mich meinen Mann kennen gelernt und bin tatsächlich ausgewandert.“

Shamim fand eine interessante Arbeit in der Verwaltung am College in Dallas und hatte dort viel mit Studierenden zu tun, die dort Deutsch lernten. Mit ihrem Mann lebte sie in einem typischen amerikanischen Vorstadthaus. Neun Stunden Arbeit täglich plus eine Stunde Fahrt. Der Traum von Amerika wich schnell der Erfahrung, dass das Leben dort hart ist. Ihr Mann arbeitete auch samstags. Zeit für einander hatten sie kaum, und auch nicht für andere Leute. „Jeder ist dort so beschäftigt mit den eigenen Leben, man hat keine Freizeit. Alles muss mit dem Auto gemacht werden. Weggehen, mal kurz in die Stadt – das gibt es dort nicht. Jedenfalls nicht in Texas. In Kalifornien oder New York ist es sicher eher wie in Europa. Aber dort fehlte mir das soziale Leben, es gab dort kaum Plätze, wo man sich treffen konnte. Meine Nachbarin hab ich vielleicht einmal im Monat gesehen.“

Shamim erzählt von den vielen, die mit 70, 75 Jahren noch arbeiten müssen, weil ihre Rente nicht ausreicht. Dieses Leben mache die Leute materialistisch, oberflächlich. „Ich konnte mir nicht vorstellen, mit 75 noch zu arbeiten. Ich glaube, wenn man aus Europa in die USA geht, dann verliert man dort vieles, was hier selbstverständlich ist. Es ist sicher anders, wenn man aus einem armen Land einwandert.“ Je länger Shamim in Dallas lebte, desto mehr vermisste sie Deutschland. Deshalb ist sie wieder hier. Das fühle sich gut an, meint sie, und das Leben in den USA habe sie verändert. Früher hätte sie davon geträumt, reich und berühmt zu werden. Jetzt habe sie erkannt, dass im Leben anderes wichtig ist. „Das ist eine gute Erfahrung und ich kann das allen nur empfehlen, Erfahrungen in anderen Ländern zu sammeln, auch zu erleben, dass es schwieriger sein kann woanders.“

Shamims Rückkehr nach Freiburg ist wieder ein neuer Anfang. Noch überlegt sie, wo und was sie arbeiten will. Auf jeden Fall will sie sich engagieren, für die Flüchtlinge und auch in der afghanischen Community in Freiburg. Für die plant sie gerade eine eigene Sendung in der internationalen Redaktion von Radio Dreyeckland. Und sie möchte gerne mit geflüchteten Jugendlichen arbeiten. Erst recht jetzt, wo es um den afghanischen Jugendlichen geht, der wahrscheinlich eine junge Frau ermordet hat. Es gebe so viel tun, meint sie, gerade für die jungen Leute könnte man etwas tun, Vorbild sein, ihnen die Regeln vermitteln, ein offenes Ohr haben. „Da will ich mich engagieren, ihnen helfen. Und ich möchte auch Deutschland helfen, dass alles glatt läuft“.

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Über den Autor

Birgit Heidtke arbeitet als Autorin und Historikerin in Freiburg. Sie organisiert Veranstaltungen, produziert Texte, Stadtrundgänge und viele andere Sachen.



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