Ist der Populismus ein Monster, das uns alle verschlingen wird?

Um Populismus kommt man im Moment einfach nicht herum. Kein Tag, an dem das Wort nicht in den Medien auftaucht; meistens mit erschrecktem, erschreckendem Unterton: Vorsicht, Gefahr! Don’t try this at home!

Tatsächlich scheinen wir von Populisten umzingelt. In Frankreich, den Niederlanden, in Dänemark, der Schweiz und Österreich, in Polen, Ungarn und Tschechien: Überall gibt es starke populistische Strömungen, teilweise sitzen sie sogar in der Regierung. Ach ja, und bei uns gibt es natürlich Pegida und die AfD.

Der nächste Präsident der USA wird ein Populist sein. In vielen Ländern Lateinamerikas sind ebenfalls Populisten an der Macht – die freilich genau vom anderen Rand des politischen Spektrums kommen, nämlich von links. Verwirrend.

Beinahe könnte man fragen: «Wer ist eigentlich kein Populist?». Der Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller hat genau das getan: In einem sehr lesenswerten, wenn auch nicht immer ganz einfach formulierten Büchlein zum Thema.

Müller versucht sich darin an einer Definition: Populist ist, wer einen Allleinvertretungsanspruch hat. Wer sagt: «Wir – und nur wir – sind das Volk. Wer unsere Überzeugung nicht teilt, gehört nicht dazu.»

Populismus in diesem Sinn findet Müller gefährlich und undemokratisch. Denn zu einer Demokratie gehört Pluralismus, die Vielfalt der Meinungen und Überzeugungen, die dann nicht mehr gewährleistet ist.

Der Politikwissenschaftler sagt jedoch gleichzeitig: Wenn Leute sagen, «auch wir sind das Volk. Auch wir wollen mit unserer Überzeugung angehört und einbezogen werden» – dann ist das ein vollkommen berechtigter Anspruch!

Müller sieht deutliche Defizite in der gegenwärtigen Diskussion. Der Begriff «Populismus» wird von vielen Politikern und Journalisten bewusst eingesetzt, um missliebige Kritik ignorieren zu können. Derjenige, der eine solche Kritik geäußert hat, ist dann als «irgendwie rechts» gebrandmarkt, von Angst, Wut oder Neid getrieben und sollte sich schämen. Das aber ist arrogant und von oben herab – und verstärkt das Gefühl, mit seinen Ansichten nicht wahrgenommen zu werden.

«Wenn grundlegende Kritik immer gleich als ‚populistisch’ angetan wird, beraubt sich die Demokratie ihres eigenes Lernstoffs», schreibt Müller.

Er findet also nicht, dass der Populismus ein Monster ist, das uns alle verschlingen wird. Sondern eine Art Aufruf, unser demokratisches Selbstverständnis zu erneuern: Durch Diskussionen auf Augenhöhe, ohne zu Moralisieren und anhand von Fakten. Durch ruhig harte, aber sachlich geführte Debatten.

 

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Über den Autor

Mathias Heybrock lebt als Journalist in Freiburg und arbeitet für Zeitungen und Magazin in Deutschland und der Schweiz.



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