Wie konnte das passieren?

Die Aussstellung „Nationalsozialismus in Freiburg“ hat eröffnet

Ein beliebiger Wochentag, mittags um halb zwei. Normalerweise ist das nicht unbedingt die Zeit, in der sich viele Menschen in die Ausstellungsräume im Keller des Augustinermuseums verirren. Doch seit gut einer Woche ist das anders. Egal, wann man hier sein Ticket löst – nie ist man allein. Stattdessen herrscht ein Gedränge wie sonst nur am Wochenende.

Mit gutem Grund: Erstmals erzählt eine Ausstellung die Geschichte des Nationalsozialismus in Freiburg. Und zwar nicht nur in Texten, Fotos und Zeitzeugeninterviews, sondern auch – und darauf legt Ausstellungsmacher Robert Neisen besonderen Wert – in mehr als 250 authentischen Gegenständen, die von der umfassenden Durchdringung des Alltagslebens in Freiburg durch den Nationalsozialismus erzählen wie von den Schrecken und Verbrechen, die jüdischen Familien und anderen von den Nazis Verfolgten in der Stadt widerfuhren. Ausgangspunkt der unbedingt sehenswerten Schau ist die Frage: Wie konnte das passieren? Sie führt zu Dutzenden weiterer Fragen, die einen hier als wüst durcheinander wirbelndes Schriftbild an Decke, Wand und Boden empfangen: Was passierte in Freiburg? Wer waren die Täter? Was hat das mit mir zu tun? Warum sollte ich mich damit heute beschäftigen?

Die Idee, Geschichte anhand von Objekten zu erzählen, geht hier erstaunlich gut auf – nicht zuletzt, weil sie manchmal völlig unvermutet eine Brücke in die Gegenwart schlagen. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür ist die 1936 entstandene Skulptur eines Hitlerjungen, die der Bildhauer Nikolaus Röslmeir für ein geplantes Denkmal im Möslepark entworfen hatte. Weil daraus nichts wurde, Röslmeir die Figuren aber nicht wegwerfen wollte, arbeitete er sie nach 1945 kurzerhand zu „Pfadfindern” um, die dann Jahrzehnte lang unbehelligt auf dem Schulhof der Lortzingschule standen. Übrigens: Röslmeirs Kunst ist bis heute in Freiburg allgegenwärtig – von ihm stammt unter anderem der Ritter auf dem Bertoldsbrunnen.

Auf eine ganz andere Weise bemerkenswert ist die Geschichte, die ein paar Vitrinen weiter ein alter Rodelschlitten erzählt. Er gehörte Ralph Eisemann, Sohn des jüdischen Kantors und Lehrers Michael Eisemann aus Breisach, der in der Reichsprogromnacht 1938 verhaftet und später ins KZ Dachau überstellt worden war. Nach seiner Entlasung und Rückkehr nach Freiburg hatte er sich krank und entkräftet am 1. Februar 1939 das Leben genommen. Seine Söhne Ludwig und Ralph emigrierten kurz darauf nach Palästina und in die USA. Als Ralph 1999 anlässlich der Einweihung der Gedenkstätte „Blaues Haus” zu einem offiziellen Besuch nach Breisach kam, fand er den Schlitten der Familie auf dem Dachboden des ehemaligen Jüdischen Gemeindehauses.

— Nationalsozialismus in Freiburg, Augustinermuseum, Dienstag bis Sonnatg 10 bis 17 Uhr, Eintritt frei unter 18Jahren.

Teilen:


Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Premium WordPress Themes