Graffiti? Kunst!

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Die „Regionale“ ist das weltgrößte regelmäßig stattfindende Ausstellungsprojekt in Sachen künstlerischer Grenzüberschreitung. Die aktuelle Ausgabe macht sich auf Spurensuche im Alltag – und entführt nicht zufällig in einen dunkeln, zugigen Keller, in dem es noch nach Sprühlack riecht.

Jedes Jahr im Sommer feilen Hunderte von Künstler*innen zwischen Basel, Freiburg und Straßburg an ihren Mappen und Dossiers, die sie dann bis Ende August beim Organisations-Team der „Regionale“ einreichen sollten – wenn sie denn die Chance haben wollen, von den Jurys für eine der 19 Austellungen des grenzüberschreitenden Mega-Kunst-Events ausgewählt zu werden. 650 haben sich in diesem Jahr beworben, 170 wurden angenommen. Am vergangenen Wochenende tobten schließlich überall im Dreiländereck die Vernissage-Partys – auch in Freiburg.

Eine der besten Ausstellungen dieses Jahres gibt es im E-Werk zu sehen. „Lebensspuren“ lautet ihr Thema, und die kommen hier mal als scharfkantige Schollen daher, von zart keimenden Pflänzchen aus der schroffen Kruste einer von der Französin Laurence Mellinger im Raum verteilten Gipswüste gebrochen, mal als Schneise der Zerstörung, wie sie der Freiburger Künstler Florian Thate unter maximalem Körpereinsatz mit einer einfachen Gabel in die Wand hackte, so dass jetzt sein 20-Meter-Bild wie eine Wunde im Putz klafft. Weniger aggressiv, aber genauso cool: das raumfüllende Bodengemälde, für das der 24-jährige hKDM-Student Timo Alt einen Staubsaugerroboter mit Pinsel und Go-Pro-Cam ausgerüstet hat und dann solange durch den Keller irren ließ, bis die Farbe alle und die Batterie leer war. Nur erleuchtet von einem flackernden Monitor, der mitten im Raum stehend nichts als den Pinsel beim Malen zeigt, schimmert die Zufallsmalerei jetzt wie die Spur eines kryptischen Rituals auf dem Boden. Oder war es doch eher ein algoritmisches Ritual?

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Egal. Was sich in der Geste „Farbe auf Boden“ oder „Farbe an Wand“ in jedem Fall entziffern ließe, ist ein Hang zur künstlerischen Eroberung des öffentlichen Raumes, dem in dieser Ausstellung keiner so umfassend und eigenwillig nachgibt wie der Basler Fabio Luks. Seine Wandmalereien mit der Sprühdose kommen auf den ersten Blick wie Graffiti daher und gehen gleichzeitig weit darüber hinaus. Es scheint um Sprache und Kommunikation zu gehen, um produktive Missverständnisse – und irgendwie auch um jede Menge Spaß. Was es wirklich damit auf sich hat, verrät uns der Aerosol-Poet heute im Mail-Interview:

Jugendblog: Fabio, seit wann arbeitest du mit der Sprühdose? Was reizt dich daran?

Fabio Luks: Ich arbeite mit vielen Materialien. Die Sprühdose kommt immer wieder vor, daneben aber auch Ölfarbe, Acryl, Tusche, Airbrush und Marker. In meinen Bildern und Rauminstallationen spielt Schrift eine zentrale Rolle. Da liegt die Sprühdose nahe, vor allem für grosse Wandbeschriftungen. Sprühfarben sind sehr kräftig und lassen sich auf praktisch alle Untergründe anbringen.

Jugendblog: Kommst du aus der Graffiti-Szene?

Luks: Nein, ich habe nie Graffiti gemacht. Ich habe bis zum Bacheleor Philosophie an der Uni Basel studiert und daneben auf autodidaktischem Weg immer Kunst produziert. Irgendwann merkte ich dann, dass ich mehr Austausch brauche. Ich hatte das Glück, dass ich mit dem Philosophie-Bachelor und einem Dossier direkt in den Kunstmaster wechseln konnte. In den zwei Jahren Kunststudium haben sich meine Arbeiten stark entwickelt. Begonnen habe ich mit figurativen Bildern, auf denen Sätze standen, bis hin zu Sprechblasen, die für sich sprechen. In der zweiten Hälfte haben sich dann die Bilder mit Schrift durchgesetzt. Auch im öffentlichen Raum achte ich mittlerweile vermehrt auf Schriftspuren an Wänden und Gegenständen, die sich dann eventuell in den Arbeiten wiederspiegeln. Eine Zeit lang habe ich sogar Gegenstände von der Straße mitgenommen, zuhause beschriftet und dann wieder rausgestellt, sozusagen als „Gratis-Kunstwerke zum Mitnehmen“.

Jugendblog: Neben Raum und Farbe ist dein wichtigstes Material die Sprache. Was interessiert dich an Sprache und Kommunikation?

Luks: Mein Interessse an der Sprache kommt einerseits vom Philosophiestudium, aber auch durch langjährige Schreibversuche. Künstlerisch interessiert mich vor allem die Kommunikation mit dem Publikum, das durch die Schrift auf dem Bild oder der Installation direkt angesprochen und in einen inneren Dialog verwickelt wird. Ich finde es spannend, wie wir ständig von Sprache und Schrift umgeben sind, die Bedeutung hinter den Wörten aber immer subjektiv generiert wird, durch Bilder und Erinnerungen, die jeder für sich assoziert.

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Jugendblog: Wie entstehen deine Texte – z.B. der nach allen Seiten hin ausfransende, eigene Bedeutungsinseln bildende Text, den du an die Kellerwand im E-Werk gesprüht hast? 

Luks: Meine Text entstehen immer direkt vor Ort – auch der zu meiner „November“-Arbeit im E-Werk. Sie bestehen aus Situationsbeschreibungen, spontanen Einfällen und Assoziationen. Sind Menschen in einem Raum, ist immer Text vorhanden – in Gedanken, in Gesprächen oder auf Bildschirmen. Es ist aber unmöglich, alle Texte in einem Raum in einem Moment zu erfassen. Dashalb gibt es in meinen Werken in der Regel nur Ausschnitte und keine abgeschlossenen Texte zu lesen. Die Betrachter*innen meiner Texte stehen in einem anderen Moment da und verbinden eigene Texte mit meinen.

Jugendblog: Eine andere Arbeit von Dir im E-Werk liest sich wie ein Textpuzzle. Wie hast du dieses Wortspiel in der Pfeilerhalle konstruiert? Gibt es tatsächlich eine Lösung hinter diesem Rätsel? Lassen sich seine Einzeleile wirklich zu einem sinnvollen, fortlaufenden Text zusammenfügen?

Luks: Ich habe mir tatsächlich einen Ablauf ausgedacht, wie ich den fortlaufenden Satz möglichst um alle Pfeiler herumbringe. Die Wörter werden aber an den Pfeilerenden abgebrochen, was die Lesbarkeit erschwert. Da der Text auch direkt beim Sprühen entstand, wusste ich nicht, welche Wörter auf welchen Pfeilerseiten stehen werden. Lustigerweise gibt es jetzt, je nach Blickwinkel, neue Wortkombinationen und Wörter. Die Idee war, dass die Betrachter*innen um die Pfeiler herumgehen und dadurch den Raum neu wahrnehmen. Es gibt keine Lösung für ein Rätsel. Wer diese Wörter und Buchstaben liest, soll sie für sich selbst zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen.

Jugendblog: Okay, das werden wir versuchen! Danke für den Tipp.

 

— Regionale 17, E-Werk Freiburg, Kunstverein Freiburg, Kunsthaus L6, kulturwerk T66  und an 15 weiteren Kunstorten in der Region. Bis 8. Januar 2017. Weitere Infos unter www.regionale.org

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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