Wahrheit vom Hörensagen

 

Postfaktisch ist ein Wort, das man sich auf der Zunge zergehen lassen muss. Denn was soll das eigentlich heißen? In was für einer Welt befindet man sich, wenn man die Fakten hinter sich gelassen hat? Der Begriff postfaktisch, der letzte Woche vom Oxford English Dictionaries, sozusagen dem britischen Duden, zum internationalen Wort des Jahres 2016 erklärt wurde, ist ein Lehnwort aus dem Englischen. Es ist die Übersetzung von „post-truth“ und meint, dass man sich jenseits der Wahrheit befindet. Begründet wurde die Entscheidung damit, dass es in diesem Jahr bereits außergewöhnlich häufig gebraucht wurde.

Dass es in aller Munde ist, hat mit zwei Ereignissen zu tun, die viele politisch interessierte Menschen überrascht haben: der Brexit und die Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten. Beide Wahlkämpfe wurden mit Lügen geführt. So behaupteten die Befürworter eines Austritts von Großbritannien aus der EU, Großbritannien zahle wöchentlich 350 Millionen Pfund an Brüssel. Eine Summe, die man besser in das britische Gesundheitssystem investieren solle. Die Zahlen waren falsch – und vom britischen Gesundheitssystem redet leider keiner mehr.

Und Trump behauptete, die Arbeitslosigkeit in den USA läge nicht bei 4,2 Prozent, sondern, wie er gehört habe, bei 42 Prozent. Politiker treten gewöhnlich zurück, werden sie beim Lügen ertappt, Zeitungen können haftbar gemacht werden, wenn sie strafbare Äußerungen gedruckt haben. Doch jetzt wird nicht nur niemand zur Rechenschaft gezogen, sondern jetzt werden durch Lügen auch noch Wahlsiege errungen. Verkehrte Welt?

Ein bisschen. Sicher, es kann einem Arbeitslosen egal sein, ob 4,2 Prozent oder 42 Prozent erwerbslos sind. Für ihn fühlt sich Arbeitslosigkeit so oder so schlecht an. Doch, wenn man die Wirtschaftspolitik einer Regierung beurteilen will, macht es einen großen Unterschied. Postfaktisch meint auch, dass Gefühle wichtiger sind als Argumente, Genauigkeit und Sachlichkeit. Wenn man sich nur noch bei den sozialen Medien über das, was geschieht, informiert, dann kann es passieren, dass der Papst Donald Trump unterstützt. Tut er natürlich nicht.

Postfaktisch hat als Wort die gleiche Wirkung wie ein Schulterzucken. Man gewöhnt sich an die Lüge. Besser wäre es, eine Lüge eine Lüge zu nennen. Und sich zu fragen, ob es eine seriöse Quelle ist, die die Information verbreitet. Und wenn die Quelle nicht vertrauenswürdig ist, welche Interessen sie verfolgt.

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Über den Autor

Anette Hoffmann ist Journalistin und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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