Kiffen Teil 3

Während Schüler A. noch auf die Verhandlung wartet (siehe Teil 1), haben wir als Experten eine Jugendrichter aus Südbaden befrag, der Folgendes aus seiner Erfahrung mit jugendlichen Kiffern vor Gericht berichtet:

Die Geschichte von A. ist in vielerlei Hinsicht typisch. Er ist ein Junge, und Drogenmissbrauch ist wie Jugendkriminalität im Allgemeinen überwiegend ein männliches Problem. Mädels haben wir fast nie vor Gericht. Auch das Einstiegsalter ist nicht überraschend. Die meisten starten ihre Drogenkarriere mit 13-15 Jahren. Auch dass die erste Verhandlung gegen eine Auflage eingestellt wurde, zeigt einen zentralen Aspekt im Jugendstrafrecht. Im Vordergrund steht nicht die Bestrafung. Man schaut eher, was erzieherisch angezeigt ist. Man möchte signalisieren: Du wirst nicht gleich abgestempelt, sondern kannst selbst noch was machen. Du hast es in der Hand, ein Urteil abzuwenden, musst dafür aber aktiv werden.

Bei einem Gelegenheitskiffer reicht beim ersten Mal meist ein ermahnendes Gespräch. Gibt es Hinweise wie im Fall von A., dass eine größere Drogenproblematik dahinter steckt, würde ich ihn an eine Beratungsstelle verweisen und unangekündigte Drogentests anordnen. Bei diesem Ausmaß der Drogengefährdung musst du reagieren, aber nicht im Sinne von Strafmaß, sondern im Sinne: Wie kriegen wir den einigermaßen wieder ins Gleis. Das ist der Erziehungsgedanke im Jugendstrafrecht.

A.’s Marihuanakonsum ist ein typisches Beispiel dafür, dass man die Problematik gern etwas unterschätzt. Dauerkiffer haben echt ein Problem. Die Drogen sind stärker geworden. Früher hatte man eine THC-Gehalt von 7-8%, heute ist er oft zweistellig. Ich habe Angeklagte gehabt, die sich anderthalb Jahre den Verstand weggekifft haben, die in völlige Lethargie verfallen, gar nichts mehr auf die Reihe kriegen. Das waren Leute, die haben am Tag fünf bis sieben Gramm Marihuana geraucht. Oft kommen noch andere Drogen und Alkohol dazu. Insofern sind auch die 1,5 Promille bei A. nicht ungewöhnlich. Überleg mal, wie viel du trinken musst, um diesen Wert zu erreichen. Ohne harten Alkohol schaffst du das gar nicht.

Ein weiterer Aspekt kommt hinzu: Wie kann ein Schüler sich diesen Konsum finanzieren? Straßenpreis für Marihuana ist üblicherweise 10-12 Euro pro Gramm. Wenn er sagt, dass er für 5 Euro kauft, bekommt er diesen Preis meiner Erfahrung nach nur, wenn er größere Mengen nimmt. Nimmst du 50 Gramm, zahlst du nicht mehr 10 Euro, sondern vielleicht 7. Das heißt aber auch, er muss 350 Euro auftreiben. Wo kommen die her?

Da sind wir dann schnell beim Handeltreiben. Dealer ist meines Erachtens ein zu großes Wort. Meist finanzieren sich jugendliche Kiffer durch den Handel nur ihren Eigenkonsum. Sie kaufen große Menge für 7 Euro und verkaufen es für 10, den Gewinn verrauchen sie selber. Handeltreiben im rechtlichen Sinn ist alles, bei dem du Gewinn machst. Wer nur 50 Cent mehr nimmt, treibt Handel. In diesem Sinne darf man sich unter Dealer nicht immer gleich den Macker vorstellen, der den ganzen Markt unter sich hat.

Wenn A. für seine Klassenkameradin was geholt und zum selben Preis weitergegeben hat, nennt sich das nicht Handel sondern Veräußerung von Drogen. Aber wenn er seine Leute kennt, ist es nicht unwahrscheinlich, dass er für z.B. 30 Euro ein bisschen mehr bekommt, als er sagt und den Überschuss gratis selber raucht, was aber dann auch schon Handel treiben wäre.

Bei Drogensüchtigen verschwimmt die Grenze zwischen Handel und Veräußerung in der Regel. Die meisten haben gar keine andere Wahl, als zu handeln, um ihren Konsum zu finanzieren. Das siehst du in 98 Prozent der Fälle: Wer viel kifft und selbst ein Drogenproblem hat, schaut, dass er ein bisschen Gewinn beim Handel macht.

Für das Strafmaß ist das Dealen im Jugendstrafrecht rechtlich nicht entscheidend, aber in der Regel wirst du härter angepackt, wenn du Handel treibst. Ich kann verstehen, dass A. Angst hatte, vor Gericht alles offen zu legen, aber ich hätte es sehr gut gefunden, wenn er sich offenbart hätte. Für mich wäre das kein Grund gewesen, deswegen schärfer zu urteilen, sondern einfach nur gezielter und passender. Kann sein, dass es bei A. nicht so tragisch ist, da er sich aus eigenem Antrieb Hilfe geholt hat. Es gibt viele, die das nicht schaffen. Da können intensive Drogenberatung, ambulante Therapie, bei schweren Fällen auch eine stationäre Therapie samt Urinkontrollen sehr wichtig sein.

Noch etwas zu den Konsequenzen: Bis zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren gibt es auch bei einer Verurteilung keinen Eintrag ins Führungszeugnis. Diese Angst von A. ist unbegründet. Aber einen Eintrag gibt es, und zwar ins Erziehungsregister, das zwar nur öffentlichen Behörden zur Einsicht offensteht, aber: Die Führerscheinstelle erfährt von der Drogenvorgeschichte. Da fängst du gleich mal mit Idiotentest und Drogentest an. Das wird auch auf A. zukommen.

Zuletzt noch eins: Wir können nur Angebote machen. Ich kann den Weg aufzeigen: Hier kannst du rausfinden. Aber man muss mit ganz vielen Rückfällen rechnen. Bei vielen Leuten stimme ich meine Sanktionen schon darauf ab, dass ich sie aller Erfahrung nach bald wiedersehen werde. Ein Großteil wächst dann irgendwann doch raus aus der Kriminalität. Wenn die erste Freundin, die erste feste Beziehung da ist, oder es einen Erfolg bei der Berufswahl gibt, ist der Spuk oft vorbei. Mit 20 geht die Kriminalitätsrate steil bergab. Da A. noch sehr jung ist, ist es statistisch gesehen sehr wahrscheinlich, dass er bei seiner kommenden Verhandlung nicht das letzte Mal vor Gericht stehen wird, bevor er hoffentlich den Absprung schafft.

Und noch ein Allerletztes: Vor Gericht steht viel im Ermessen der Richter. Es gibt große Unterschiede in der Bewertung von Drogendelikten. In Hamburg oder Berlin wäre ein Jugendlicher mit einem Gramm Marihuana nie vor Gericht gelandet. Baden-Württemberg ist da rigider, was ich bei jungen Leuten auch gut finde, wenn nicht die Strafe sondern die Hilfe im Vordergrund steht.

 

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Über den Autor

Jürgen Reuß ist freier Journalist, nicht nur von Berufs wegen neugierig und hat das Glück, dass ihm Recherchieren Spaß macht.



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