Was haben Mauerreste, die auf dem Platz der Alten Synagoge gefunden wurden, mit dem 9. November zu tun?

Donnerstag, kurz vor 9. Die Sonne klettert  über die Dächer der Uni und wirft zwischen KG I und KG II einen scharfen Lichtkegel auf den Platz der Alten Synagoge. Dort sausen gerade die Spitzhacken in den Boden, graben sich in die Fugen einer alten Mauer, hebeln Steinbrocken aus dem Fundament. Nach einem Monat Stillstand haben die Bauarbeiter wieder was zu tun. Endlich, sagen die einen. Ausgerechnet jetzt, protestieren die anderen.

Doch heute ist Montag, und was am Donnerstag war, ist jetzt Geschichte. Es ist leider eine Geschichte ohne Happy End.

Angefangen hatte alles am 4. Oktober, als Bauarbeiter auf dem Platz zwischen Uni und Theater plötzlich auf Mauerreste der Synagoge stießen, die hier bis zum 9. November 1938 stand, bevor die Nazis sie in der Reichsprogromnacht anzündeten und die Feuerwehr kam, um so lange tatenlos zuzusehen, bis das Gebäude auf die Grundmauern niedergebrannt war. Noch am gleichen Tag wurde die Ruine gesprengt, der Platz eingeebnet. Am Tag darauf wurden 137 jüdische Männer aus Freiburg ins KZ Dachau gebracht und zwei Jahre später, am 22. Oktober 1940, 375 Juden ins südfranzösische Gurs und von dort aus in die Vernichtungslager deportiert. Nur 77 überlebten den Holocaust.

Stellen wir uns einmal vor, wie deren Angehörige nun am Zaun vor der Uni stehen und dabei zusehen, wie Bauarbeiter die letzten Überreste des Gebäudes abreißen, dessen Zerstörung 1938 das Ende der jüdischen Gemeinde einleitete und der seither am 9. November gedacht wird. Es ist keine gute Vorstellung.

Dabei kann man der Stadt nicht vorwerfen, das Gedenken zu behindern. Im Gegenteil. Vor Jahren bereits hat sie den Plan für ein großes Mahnmal zur Erinnerung an die Reichsprogromnacht mitten in der Stadt gefasst. Irgendwann war es dann soweit. Auf dem Platz sollte als sichtbares Zeichen ein Wasserbecken in Form des Grundrisses der alten Synagoge entstehen. Dass bei den Bauarbeiten nun die alten Mauerreste zum Vorschein kamen, hat viele überrascht. Die Jüdische Gemeinde ebenso wie die Stadtverwaltung. Und beide fragten sich: Was tun?

Die Israelistische Gemeinde schlug vor, entweder den Brunnen zu versetzen, um die Mauerreste zu erhalten, oder ganz auf ihn zu verzichten. Bau-Experten der Stadtverwaltung dagegen empfahlen, die Mauerreste so weit wie für den Bau des Brunnens notwendig abzutragen, den Rest zuzuschütten – um die übrigen Steine vor Verwitterung zu schützen – und den Brunnen ansonsten wie geplant fertigzustellen. Die abgetragenen Steine, so ihr Vorschlag, könne man dann später für ein weiteres Mahnmal verwenden, das am Platz stehen könnte.

Moment mal: Die echten Steine der von Freiburger Nazis zerstörten Synagoge sollen einem Brunnen weichen, der dieser Zerstörung symbolisch gedenkt? Klingt paradox. Es kommt aber noch irritierender: Die realen Mauerreste des Gotteshauses wurden jetzt nämlich ausgerechnet vor Beginn jener Woche entfernt, in der die jüdische Gemeinde und viele Freiburger der Reichsprogromnacht gedenken. Man kann das schlechtes Timing nennen, mangelnde Flexibilität, das Werk von Sachzwängen oder schlicht Ignoranz. Wahrscheinlich ist von allem etwas dabei. Dass die Israelitische Gemeinde weder über den direkt bevorstehenden Abbruch der Synagogenmauer informiert wurde, noch wenigstens eine Zeremonie in Erwägung gezogen  wurde, um der historischen und symbolischen Bedeutung der Mauerreste Rechnung zu tragen, ist für viele nicht nachvollziehbar. Ab übermorgen, am 9. November 2016, werden die Steine nummeriert in den Depots der Bauverwaltung liegen.

— Gedenken an den 78. Jahrestag der Reichsprogromnacht, 9. Nov., 16 Uhr, Jüdisches Gemeindezentrum, Getrud-Luckner-Saal, Nussmannstr. 14. www.jg-fr.de

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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