Kiffen, gut und schön, aber was hängt eigentlich alles damit zusammen? Wir haben nachgefragt und eine kleine Serie dazu zusammengestellt. Heute noch mal A., Schüler (15), der erzählt, wie es weiter ging. Teil 1 findest du hier.

Vor der Verhandlung habe ich mir einen Riesenkopf gemacht. Am Tag selbst waren dann nur Richterin, Gerichtshilfe und ich anwesend. Die Anzeige wurde verlesen, dann habe ich meine Version erzählt, dass ich durch den Ärger mit der Polizei gemerkt hätte, dass das nichts für mich ist und seitdem aufgehört hätte. Das war gelogen, aber ich hatte das Gefühl, das musste halt sein. Die Richterin beließ es bei 10 Sozialstunden. Innerhalb eines Monats musste ich mir selbst was suchen, zeigen wie selbständig ich bin. Ich habe die Stunden in der Flüchtlingshilfe abgearbeitet. Damit war das vom Tisch.

Dann war Urlaub mit Eltern. Da hatte ich in der ersten Woche richtige Entzugserscheinungen. Schon im Flieger Bauchkrämpfe, Kopfschmerzen und Schweißausbrüche. Damit hatte ich nie gerechnet. Heißt doch, das Kiffen nicht abhängig macht. Eine Woche gings mir richtig kacke. Aufhören läuft bei mir so: Den ersten Tag musst du vom Psychischen her überstehen, da bist du voll motiviert: „Ich schaff das!“ 5 Tage gehts gut, dann kommt eine Gelegenheit. Widerstehen braucht richtig Kraft. Hatte ich nicht. Kaum 10 Minuten aus dem Urlaub zurück hatte ich schon einen Blunt gedreht.

Ruckzuck kiffte ich wieder mehrmals täglich. Aber es fing an, mich zu nerven. Die andern haben immer gesagt, ist doch nichts dabei. Ich sah das anders. Also sage ich: „Heute hör ich auf.“ Aber dann sagt einer: „Schau mal was ich hier habe.“ Ich geh mit, rauche und bin schnell wieder völlig entgleist, komplett kontrolllos.

Zuhause war inzwischen Höllenärger. Das ging so nicht mehr. Ich war kein einfaches Kind und hatte deshalb schon einen Psychologen. Zu dem wollte ich. Das war eine komische Wiederbegegnung nach so vielen Jahren, aber der war jemand, mit dem ich einfach mal ehrlich reden konnte, das hilft schon.

Trotzdem fing ich wieder an, täglich zu kiffen. Ich hab mich total darüber geärgert. Hatte mich doch gefreut, endlich mal mit klarem Kopf was auf die Reihe zu kriegen. Und jetzt war ich wieder dabei. Ich wollte nicht mehr, hab aufgehört. Anfangs gings mir wieder dreckig, aber ich hatte eine Perspektive: Ich wollte mein Schuljahr schaffen und das schaffe ich ganz sicher nicht, wenn ich kiffe. Auch mit dem Trinken hatte ich eine Pause eingelegt. Lief eigentlich alles ganz gut. Dann kam dieser scheiß Abend an der Dreisam.

Mords Gegröle, Polizei kommt, alle hauen ab, Zeug bleibt liegen, unter anderem mein Rucksack mit Handy, einem Gramm Hasch und einer Bong. Komplizierte Geschichte. Jedenfalls landete ich schließlich auf der Polizeiwache zur Befragung. 15 Jahre, nachts um halb eins, 1,5 Promille, vor mir ein Beutel Gras, die Bong, die jemand in den Rucksack gepackt hatte, eine leere Flasche Wodka und ein Kasten Bier. Ein Drecksgefühl, dabei hatte ich drei Wochen vorher aufgehört zu kiffen.

Es gab wieder eine Vorladung. Diesmal war es nicht so nett. „Sie sind ja jetzt zum wiederholten Mal hier“, sagte der Polizist. Die vorherige Anzeige wurde als zwei Vergehen gewertet, einmal das Rauchen mit dem Kumpel und dann das Dealen, und schon stehe ich mit der dritten Anzeige da und wurde komplett erkennungsdienstlich behandelt: Fotos von allen Seiten, Fingerabdrücke. Du kommst dir vor wie ein Verbrecher. Da war ich schon komplett bedient, bevor es überhaupt zur Befragung kam. Der Beamte war misstrauisch, als ich meine Geschichte erzählte. Nachvollziehbar, ich hatte ja schon mal gesagt, dass ich nicht mehr kiffe. Im Laufe des Gesprächs wurde das besser, auch weil mein Vater geholfen hat.

Jetzt sind wieder 3-4 Monate Zittern angesagt. Diesmal wird die Sache wahrscheinlich nicht fallen gelassen. Wenn ich jetzt einen Eintrag ins Führungszeugnis kriege? Das stresst mich. Dann bin ich als kriminell abgestempelt. Da geht es jetzt nicht mehr nur um Heute und Morgen, sondern auch um Übermorgen. Wenn du mit 25 daran zu knabbern hast, was du mit 15 gemacht hast, das wär scheiße.

A. wartet auf die Verhandlung. Wie die ausgeht, ist ungewiss. Wir haben bei einem Jugendrichter nachgefragt. Was da herauskam, liest du nächste Woche hier.

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Über den Autor

Jürgen Reuß ist freier Journalist, nicht nur von Berufs wegen neugierig und hat das Glück, dass ihm Recherchieren Spaß macht.



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