Sicherheitsempfinden in Freiburg

Am vergangenen Donnerstag wurde die 19-jährige Studentin Maria L., die am 16. Oktober in der Dreisam auf Höhe des SC-Stadions ermordet aufgefunden worden war, beerdigt. An der Trauerfeier in Brüssel, wo die Familie der Getöteten lebt, nahmen mehr als 1000 Menschen teil, wie die Badische Zeitung berichtete.

Eine 40-köpfige Sonderkommission der Polizei geht derzeit rund 160 Spuren nach. Sie vernimmt Personen aus dem Umfeld der Ermordeten und gleicht DNA-Spuren eines Mannes, die am Körper der Toten gefunden wurden, mit Genproben von Männern ab, die mit Maria L. zu tun hatten. Zudem werden diese Spuren mit der DNA-Analysedatei des Bundeskriminalamtes abgeglichen, wie es aus dem Polizeipräsidium Freiburg hieß.

Während die Ermittlungen aus taktischen Gründen im Verborgenen anliefen und viele Menschen um Maria L. trauerten, wurde in den sozialen Medien zuletzt anlässlich dieses Mordfalls verstärkt über Fragen der Sicherheit in Freiburg diskutiert. Die Bedrohung eskaliere, fanden die einen, der Dreisam-Mord sei nur ein weiterer schrecklicher Höhepunkt in der jüngeren Gewaltchronik der Stadt. Andere gaben an, das Haus nicht mehr ohne Pfefferspray zu verlassen, wieder andere, dass sie nachts künftig in Gruppen heimradeln wollen oder nur noch auf gut beleucheten, großen Straßen.

Tatsache ist: Das Sicherheitsgefühl der Menschen ist nach einem Gewaltdelikt, das in ihrer direkten Umgebung passiert – in ihrer Stadt, ihrem Viertel, ihrer Straße –, oft deutlich beinträchtigt. Das ist verständlich und eine völlig eine natürliche Reaktion. Angst schützt uns vor Bedrohungen. Sie schärft unseren Blick für Situationen, vor denen wir uns in Acht nehmen sollten. Manchmal aber lässt sie uns auch überreagieren und Entwicklungen aufgrund eines schrecklichen Einzelfalles wie dem Mord an einer jungen Frau plötzlich viel bedrohlicher und umfassender einschätzen, als sie es in Wirklichkeit sind.

Denn auch das ist Fakt: Die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich Opfer eines Verbrechens zu werden, hat in Freiburg seit fünf Jahren weder zu- noch abgenommen. Das belegen die Zahlen der Kriminalstatistik, die jährlich vom Polizeipräsidium Freiburg veröfffentlicht werden. Zwar gilt Freiburg laut des jüngsten Jahresberichtes mit 13.296 Straftaten pro 100.000 Einwohner derzeit als die kriminellste Stadt Baden-Württembergs, Grund dafür ist aber vor allem die hohe Zahl an Diebstählen und Schwarzfahrten mit Bus und Bahn. Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gingen dagegen im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent zurück (die wichtigsten Zahlen der Freiburger Kriminalstatistik findet ihr hier.

Aber auch das sollte man nicht vergessen: Auffallend oft orientiert sich unsere Angst – und damit unser Sicherheitsempfinden – an tagesaktuellen Nachrichten oder wird gefüttert von krassen Pranks auf Youtube oder anderen Kanälen. Die Diskussion um die nächtliche Sicherheit an der Dreisam ist in den sozialen Medien jedenfalls weitgehend verstummt. Laut einer Spontan-Umfrage bei der Campus-App Jodel treiben viele dagegen ganz andere Sorgen um: „ich hab momentan viel mehr angst vor bösen clowns”, lautete die Antwort mit den meisten Likes.

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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