Postkarten am Kühlschrank: Ein öffentliches WG-Ausstellungs-Experiment an der Grenze von Kunst und Alltag

Was ist ein Auto? Logisch: Ein Ding zum Fahren – vier Räder, Motor, Lenkrad, Sitze, plus Extras nach Geschmack. Was ist ein Glas? Auch klar: Ein Behälter zum Trinken, durchsichtig, oben offen, unten zu, fällt es hin, werden seine Trümmer zu Waffen.

Jacob Ott knallt sein Glas auf den Küchentisch, dass das Wasser spritzt. Der 24-Jährige studiert Kunst an der Freiburger Hochschule für Kunst, Design und Populäre Musik, kurz: hKDM. Und obwohl er es wissen müsste, fragt er sich trotzdem immer wieder, was genau das eigentlich sein soll, was er da macht – Kunst. Klar ist nur: so einfach wie beim Auto und beim Glas ist die Sache nicht. „Steht das Glas hier auf dem Küchentisch, ist es ein Gebrauchsobjekt”, sagt Jacob, „steht es in der Galerie auf dem Sockel wird es zur Skulptur”. Mit krassen Folgen. Plötzlich darf es niemand mehr berühren, und je nachdem, welche Künstlerin oder welcher Künstler die Idee hatte, dieses Glas auf diese Weise und aus diesem Grund auf diesen Sockel zu stellen, kostet es plötzlich nicht 5 Euro sondern 500 oder 5000.

Also: Was ist Kunst? Und wo genau verläuft die Grenze zwischen Alltag und Kunst? Um das herauszufinden, lädt Jacob Ott jetzt zu einem seiner legendären Ausstellungs-Events ein, für das er in den letzten Wochen viele Freundinnen, Freunde und Freunde seiner Freunde gebeten hat, ihm selbst gestaltete Postkarten zu schicken. Dutzende haben geantwortet, von seiner kleinen Schwester bis zu Kasper König, Ex-Direktor des berühmten Kölner Museums Ludwig.

Die Karten hängen jetzt am Kühlschrank von Jacobs WG in der Eschholzstraße. Zur Eröffnung der Ausstellung gibt’s eine Vernissage, zu der jeder kommen kann (beim letzten Mal waren das knapp 250 Leute) – und viel Gelegenheit, darüber nachzudenken, ob zum Beispiel die auf DIN A6-Karton plattgewalzten Geburtstagkerzen der jungen Freiburgerin KIT oder die zerrissene und neu zusammengeklebte Münsterpostkarte von Florian Thate nun eher Kunst sind, Bastelarbeit, Kühlschrank-Deko oder alles zusammen. Und selbst, wenn es auf diese Frage keine endgültige Antwort geben sollte: Allein zu sehen, dass man mit einer guten Idee viele Leute dazu bringen kann, sich an einem Projekt wie Jacobs Kühlschrank-Galerie zu beteiligen, lohnt den Besuch am Samstag, 29. Oktober, ab 18 Uhr in der Eschholzstraße 90.

Ach ja, und dann gibt es an diesem Wochenende noch einen zweiten Geheimtipp in Sachen Kunst: die Aka-Preis-Schau 2016. Die Studierenden der Freiburger Außenstelle der Kunstakademie Karlsruhe zeigen ihre Arbeiten bis Samstag in den Ateliers im Dachgeschoss der Gertrud-Luckner-Schule, Kirchstr. 4 (jeweils ab 10 Uhr). Anlass der Ausstellung ist die Verleihung des Akademiepreises 2016, der in diesem Jahr an Nikita Milukovs und Lin Yulong ging. Ein Muss für alle, die sich für die junge Kunstszene in Freiburg interessieren.

Kühli

Ausstellung in der Eschholzstr. 90, 3. OG, Freiburg,mit Postkarten von Wasil Schauseil, Selma Georgi und Jakob Tyroller, Florian Thate, Miro Danev, Jacob Ott, Nicholas Wells, Kasper König, Laurie Mlodzik, Lukas Schneeweiss, Widu Ott, Jennifer Bennet, Kriz Ollbricht, Timo Alt, Caroline von Gunten, Jonas Rehren, Johannes Willi, Evgenij Gottfired, Kit, Marco Schuler, Gregor Peschko, Tanja Weidmann, Dietrich Schön, Florentina Ott, Midori Yamamoto, Levin Scholl, Jürgen Oschwald, Lukas Liese, Konstantin Friedrich, Joe Krasean, Josh McGarveyund Pedram Baldari.

Vernissage: 29.10., 18 Uhr. Bis 6.11.2016

Akademiepreis 2016

Staatliche Akademie der BIldenden Künste, Außestelle Freiburg, Kirchstr. 4. Fr, Sa 10-18h. Bis 29.10.

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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