Wer die Kaiser-Josef-Straße entlangläuft, bewegt sich auf einem komplizierten geschichtlichen Pflaster. Zwar ist die Einkaufsstraße Freiburgs nach einem österreichischen Kaiser benannt, doch von 1933 bis 1945 hieß sie Adolf-Hitler-Straße. Stellt euch vor, ihr müsstet als Adresse den Namen eines Diktators nennen, der für den Tod unzähliger Menschen verantwortlich ist. Grausig. Undenkbar.

Als der Gemeinderat der Stadt Freiburg vor gut vier Jahren eine Kommission beauftragte, etwa 1300 Straßennamen zu überprüfen, ging es nicht mehr um die ganz großen Nazi-Verbrecher. Zwölf Straßennamen hat diese Arbeitsgruppe nun auf eine Liste gesetzt. Sie sind nach Menschen benannt, mit deren Handeln oder Ansichten man heute nicht mehr einverstanden ist. Die Kommission, die sich aus Fachleuten wie Historikern, Archivaren, Soziologen und Politologen zusammensetzt, schlägt vor, diese Straßennamen zu streichen und sie durch andere zu ersetzen. Bei einer Reihe anderer Namen hält sie Erläuterungen für nötig. Am 15. November wird sich der Gemeinderat damit befassen.

Natürlich wissen auch die Fachleute, dass was wir heute für falsch halten, sich für die Menschen früher ganz anders darstellte. Es ist nicht leicht, da das richtige Maß zu finden. Bei den zwölf Namen handelt es sich um Menschen, die den Nationalsozialismus gefördert haben, aggressiv gegen Juden und Fremde gehetzt haben, den Krieg verherrlicht haben oder besonders feindlich gegenüber Frauen eingestellt waren. Das zu prüfen, bedeutet: Archive und Bibliotheken besuchen und viele Schriftstücke lesen. Der Philosoph und ehemalige Rektor der Universität Freiburg Martin Heidegger (1889-1976) gehört zu den Personen, die die Kommission nicht mit einer Straße geehrt sehen möchte. Heute zweifelt man nicht mehr daran, dass er ein überzeugter Nationalsozialist war.

Auch über Hermann Staudinger (1881-1965), nach dem eine Straße, ein Unigebäude und eine Schule in Freiburg benannt sind, wird diskutiert. Hier schlagen die Wissenschaftler einen Kommentar vor. Die Nachforschungen haben ergeben, dass der Nobelpreisträger für Chemie stärker als angenommen mit der Politik der Nationalsozialisten einverstanden war – doch während des Ersten Weltkrieges war er für den Frieden. Menschen sind widersprüchlich. Kann so jemand noch Vorbild sein? An der Staudinger-Gesamtschule wird man, so ist in einer Stellungnahme zu lesen, „mit allen am Schulleben Beteiligten diskutieren und entsprechende Konsequenzen ziehen“.

Das Gutachten findet ihr hier.

 

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Über den Autor

Anette Hoffmann ist Journalistin und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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