Graffitihaus in der Kirchstraße

Das Malen geht weiter – die Diskussion auch. Gut so!

Zwischen dem Gerüst an der Fassade der Kirchstraße 17 glotzen zwei riesige Enten hervor, umrankt von grellen Blumen und fetten Bienen in Acryllack. „Danke” steht seit Mitte letzter Woche auf einem Transparent, das vor dem Haus weht, „Ente gut alles gut”. Der Ärger ist vorbei, die Schaulustigen sind weniger geworden. Ab Dienstag darf Tom Brane weitermalen.

Für den 35-Jährigen gehen damit zwei turbulente Wochen zuende. Auch für die Besitzerin, die den Freiburger Graffiti-Sprayer beauftragt hat, sich was Schönes für die Fassade ihres Hauses auszudenken – und natürlich für die Nachbar, die Tom Branes halb fertiges Wiesenpanorama schon jetzt super finden oder voll daneben, megakitschig oder richtig schön. Wie das halt so ist, wenn es um Bilder geht: Sie können gefallen oder nerven, andere zucken nur mit den Schultern, alles ganz normal.

Und auch das ist ganz normal: Dass ein Mitarbeiter der Landesdenkmalamtes prüfen lassen möchte, ob das Wandbild am Jahrhundertwendebau weiter gemalt werden darf. Und dass ein Nachbar beim Baurechtsamt nachfragt, ob es Regeln für die Fassadengestaltung in Wohngebieten gibt. Schließlich – das sollte man im Kopf behalten – ist Tom Brane hier nicht als illegaler Sprayer unterwegs, sondern als Handwerker mit solidem Auftrag und deshalb bei der Ausführung nicht unfreier oder freier und auch nicht mehr oder weniger Künstler als ein ganz gewöhnlicher Malermeister.

Die Nachfrage war sinnvoll. Denn jetzt wissen wir: 1. Das Haus ist nicht (mehr) denkmalgeschützt. 2. Die Graffiti-Fassade fällt laut Landesbauordnung BW LBO § 11 nicht in die Kategorie grob beeinträchtigender oder verunstaltender Baumaßnahmen.

Und 3.: Reden hilft. Und manchmal auch Warten. Durch die amtlich verordnete Zwangspause wurde nun nämlich eine Diskussion angestoßen, die weit über den Fall Kirchstraße 17 hinausgeht. Im Zentrum stehen Fragen wie: „Wie wollen wir leben?” Und: „Wer entscheidet das?” Das ist gut so. Denn die Bedingungen unseres Zusammenlebens sind immer Verhandlungssache.

Auch Ihr könnt mitreden. Zum Beispiel bei der Podiumsdiskussion heute abend um 19 Uhr im Haus der Jugend. „Graffiti – Kunst oder Verbrechen?” heißt der Titel des Talks, zu dem neben Tom Brane vier weitere Gäste eingeladen sind, die wissen, wovon sie reden: Dirk Görtler, Dozent an der hKDM, Angeli Janhsen, Professorin für Kunstgeschichte an der Uni Freiburg, Justus von Kampp vom Bürgerverein Oberwiehre-Waldsee und Timothy Simms, Stadtrat der Grünen. Die Moderation des Abends übernimmt Sebastian Müller, Ex-Stadtrat für Junges Freiburg.

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Über den Autor

Dietrich Roeschmann ist Journalist und unterstützt den Jugenblog seit Anfang an.



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